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04. November 2014 07:48 Uhr

BZ-Interview

Ist Homöopathie Unsinn, weil wissenschaftlicher Beleg fehlt?

Homöopathie ist ein Reizthema: Manche schwören drauf, andere lachen darüber. Wissenschaftsjournalist Christian Weymayr ist ein Kritiker. Ein Interview über Forschung, Globuli und Wunder.

  1. Sollen geistige Informationen und Energien übertragen – homöopathische Globuli Foto: dpa/privat

  2. Christian Weymayr Foto: privat

  3. Trotz aller Zweifel sehr beliebt: die Homöopathie Foto: dpa Deutsche Presse-Agentur

Über den Sinn und Unsinn der Homöopathie wird fleißig gestritten: Auf der einen Seite stehen die homöopathisch tätigen Ärzte und ihre Patienten, die mit der Heilmethode gute Erfahrungen gemacht haben. Auf der anderen Seite die Mediziner, die einen wissenschaftlichen Beleg eben dieser Heilkraft vermissen. Einen solchen Beweis könne die Homöopathie ohnehin niemals vorlegen, behauptet nun der Wissenschaftsjournalist Christian Weymayr in einem Fachartikel. Deshalb könnten die Homöopathen das Forschen am Patienten auch gleich ganz sein lassen. sprach mit dem Kritiker.

BZ: Herr Dr. Weymayr, ob ich eine Reliquie berühre oder homöopathische Globuli schlucke, die Heilchancen sind prinzipiell die gleichen, sagen Sie. Warum?
Weymayr: Weil in beiden Fällen nicht einmal theoretisch eine Wirksamkeit möglich ist. Ob Verdauung, Muskelbewegung oder das Denken – alle wichtigen Vorgänge im Körper sind biochemische Prozesse, bei dem ein Stoff den anderen beeinflusst. Wenn ich ein Mittel aber – wie bei einer d23- oder c12-Potenzierung – soweit verdünne, dass gar keine Moleküle der eigentlichen Wirksubstanz mehr in ihm enthalten sind, ist eine solche materielle Interaktion gar nicht mehr möglich. Genau wie bei einer Heilmethode, die nur auf übersinnliche Kräfte vertraut.

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BZ: Aber die Homöopathen behaupten doch, gerade diese extreme Verdünnung erhöht die Wirksamkeit ihrer Medikamente?
Weymayr: Es ist seit Paracelsus ein durchgehendes Prinzip in der Medizin, dass ein Mittel stärker wirkt, wenn die Dosis erhöht wird, und schwächer, wenn sie erniedrigt wird. Warum dieses Gesetz gerade für die Homöopathie außer Kraft gesetzt sein soll, erschließt sich mir nicht. Abgesehen davon sind die Substanzen, die in der Homöopathie verwendet werden, ja oft noch nicht einmal unverdünnt als Wirkstoffe aktiv. Kochsalz und Küchenzwiebel etwa sind Verbindungen, die man schon im Alltag in großen Mengen zu sich nimmt. Da ist die Annahme, ich würde einen schrundigen Ausschlag bekommen, nur weil ich das Kochsalz plötzlich verdünne, einfach absurd.

"Eine Wirksamkeit ist nicht einmal theoretisch möglich." Christian Weymayr
BZ: Aber vielleicht kennen wir noch nicht alle Abläufe. Kann es nicht Heilmittel geben, die sozusagen über andere, der Wissenschaft unbekannte Wege wirken?
Weymayr: Wenn ich jemandem nur noch ein reines Zuckerkügelchen gebe, wo soll da die Wirkung sein? Und welche geistigen Informationen und Energien soll dieses Zuckerkügelchen übertragen? Die Homöopathie definiert die Wirksamkeit ihrer Mittel, indem sie sie am Gesunden ausprobiert. Zum Beispiel indem jemand zwei Tage lang Kochsalz C30 zu sich nimmt – das ist eine Verdünnung von 1 zu 10 hoch 60 – und zwei Tage lang aufschreibt, was mit ihm passiert. Der Begründer der Homöopathie Samuel Hahnemann hat auf diese Weise allein 50 Seiten voller Symptome notiert, die alle auf die Einnahme von verdünntem Kochsalz zurückgehen sollen – von schrundigen Lippen über schlechte Träume bis zu sexueller Hyperaktivität und üblem Körpergeruch. Er schloss daraus, dass man einen Kranken, der genau diese Symptome zeigt, umgekehrt auch durch die Gabe von stark verdünntem Kochsalz heilen kann. Im Prinzip ist das nichts anderes, als wenn ich ein Blatt Papier auf den Tisch lege und zwei Tage lang notiere, was in der Weltgeschichte passiert: Eine Wahl in Nordamerika, ein Umsturz in Afrika, ein Vulkanausbruch auf Sizilien. Und dann bei der nächsten Hungersnot daraus schließe, dass ich sie allein dadurch bekämpfen kann, dass ich einen leeren Umschlag auf den Tisch lege, in dem einmal dieses Blatt Papier gelegen hat. Ich denke, es leuchtet jedem schnell ein, dass das nicht funktionieren kann – aber genau das macht die Homöopathie.

Abwarten hilft oft – auch ohne Globuli

BZ: Aber der Andrang in deutschen Homöopathenpraxen spricht doch dafür, dass mache Leute mit solchen Methoden gute Erfahrungen machen?
Weymayr: Meistens reicht es auch, gar nichts für seine Gesundheit zu tun, um wieder gesund zu werden. Das ist kein Hokuspokus, die Selbstheilungskräfte unseres Körpers sind manchmal sogar in der Lage, scheinbare Wunder zu vollbringen. Und deshalb ist der Fall eines Menschen, der nach der Einnahme von homöopathischen Mitteln gesund wird, nur die Dokumentation eines natürlichen, wenn auch manchmal überraschenden Krankheitsverlaufs.

BZ: Nun können die Homöopathen aber nicht nur auf solche glücklichen Einzelfälle verweisen, sondern auch auf ein paar Studien, in denen ihre Mittel geholfen haben sollen...
Weymayr: Meiner Meinung nach ist das kein Beweis der Wirksamkeit der Homöopathie, sondern ein Beleg für die Fehleranfälligkeit solcher Studien. Denn auch die beste wissenschaftliche Untersuchung ist nicht immun gegen Fehler: Es gibt immer einen gewissen Interpretationsspielraum, es gibt Probleme beim Studiendesign – es ist bei Arzneimittelwirksamkeits-Studien sogar schon per Definition festgelegt, dass das Ergebnis bei einer von zwanzig Untersuchungen nicht dem Mittel selbst, sondern allein dem Zufall zu verdanken ist. Wenn ich zur Homöopathie 20 Studien mache und die 19 mit dem ungewollten Ergebnis unter den Tisch fallen lasse, dann werde ich am Ende sagen: Es gibt Hinweise darauf, dass das Heilverfahren wirkt. Und genau das können wir auch beobachten.

BZ: Aber ist es nicht möglich, die schlechtgemachten von den gutgemachten Studien zu unterscheiden und auf diese Weise zu einem aussagefähigen Ergebnis zu kommen?
Weymayr: Prinzipiell ja, aber kein Arzneimitteltest ist perfekt. Deshalb kann ich jede Studie in Zweifel ziehen, ich muss nur die methodischen Maßstäbe hoch genug anlegen. Denn um den wissenschaftlichen Fortschritt nicht ganz abzuwürgen, muss ich eine gewisse Fehleranfälligkeit zulassen – unter anderem jene Irrtumswahrscheinlichkeit von fünf Prozent. Und genau diese Fehleranfälligkeit ist das Einfallstor für Verfahren wie die Homöopathie.

Keine Studie kann Naturgesetze ins Wanken bringen

BZ: In einem Artikel in der Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen, ZEFQ, gingen sie kürzlich so weit vorzuschlagen, man solle die Homöopathie erst gar nicht erst wissenschaftlich testen, um sich solche Verwirrungen zu ersparen. Ist das nicht eine etwas arrogante Sichtweise?
Weymayr: Ich sage nicht, dass man die Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel nicht untersuchen soll. Ich fordere nur, dass man dabei die passenden Methoden wählt. Vor jeder Studie gilt es zunächst einmal zu prüfen: Sind die Annahmen, die ich da testen will, überhaupt plausibel? Und wenn ein Verfahren wie die Homöopathie auf Theorien aufbaut, die allen Naturgesetzen widersprechen – weil Wasser angeblich ein Gedächtnis hat oder geisterhafte Heilkräfte durch Reiben und Schütteln freigesetzt werden – dann kann ich mir meine Studien auch sparen. Denn welche Studie ist so aussagekräftig, dass sie Naturgesetze ins Wanken bringen kann? Macht man die Studien trotzdem, führt das nur dazu, dass sich Leute ein wissenschaftliches Mäntelchen umhängen, das ihnen gar nicht zusteht.

BZ: Aber ist es nicht auch ein Vorteil unbestechlich und losgelöst vom jeglichem theoretischen Überbau allein darauf zu schauen, ob ein Medikament im Experiment wirkt oder nicht?
Weymayr: Das stimmt. Ich sage aber: Haltet dabei die Reihenfolge ein. Jedes Medikament muss zunächst zeigen, dass es nicht im Widerspruch zu Naturgesetzen steht. Danach muss es seine Wirksamkeit im Zellversuch und Tierexperiment beweisen, bevor man es einem Menschen gibt. Die Homöopathie überspringt diese Stufen und steigt direkt mit den Patientenversuchen ein. Ich plädiere nicht für ein Forschungsverbot, aber wer so arbeitet, soll nicht von sich behaupten, dass er Wissenschaft macht.

Medizin ist auch Glaubenssache

BZ: Aber vielleicht ist es manchen Menschen auch völlig egal, wie wissenschaftlich erforscht ein Heilmittel ist. Für viele ist Medizin auch eine Glaubenssache? Kann man das ignorieren?
Weymayr: Nein, natürlich nicht. Es sei jedem auch unbenommen, was er glaubt. Ich wehre mich nur dagegen, dass behauptet wird, es sei wissenschaftlich erwiesen, dass dieser Glaube eine reale Grundlage hat. Wenn in einem konfessionellen Krankenhaus der Patient gerne beten möchte und die Pflegekraft unterstützt ihn dabei, gerne. Aber wenn der Arzt sagen würde: "Ich spreche ein Gebet mit Ihnen und damit vertreiben wir Ihren Krebs?", dann würde ich das für eine Katastrophe halten.

BZ: Sie würden aber niemand das Recht absprechen, diese Globuli zu schlucken?
Weymayr: Nein, um Gottes willen, selbstverständlich nicht. Den Hang zur Spiritualität sollte man akzeptieren. Aber ich habe ein Problem damit, wenn jemand – der mit einem Dr.med. seine akademische Ausbildung dokumentiert – verspricht, mit Globuli zu heilen. Und das viele Krankenkassen dies auch noch bezahlen, ist ein Armutszeugnis und vermutlich eine reine Marketingmaßnahme, um finanzkräftige und gesundheitsbewusste Kunden zu gewinnen.

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Autor: Michael Brendler