13. Oktober 2009
Jenseits von Markt und Staat
Erstmals bekommt eine Frau den Wirtschafts-Nobelpreis / Elinor Ostrom fragte sich, wie man Überfischung verhindern kann
FREIBURG. Nach 40 Jahren geht erstmals der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften an eine Frau – und noch dazu an eine Politikwissenschaftlerin. Elinor Ostrom ist vielen Studierenden in Freiburg ein Begriff: In den hiesigen Vorlesungen zur Forstökonomie oder zur Ordnungspolitik spielt ihr Hauptwerk "Die Verfassung der Allmende" eine wichtige Rolle.
Vor zwei Jahren kam Ostrom, die an der Universität von Indiana lehrt, selbst nach Freiburg, um mit Doktoranden aus aller Welt über Walter Eucken zu diskutieren, über Methoden der Institutionenanalyse und aktuelle Probleme der Umweltökonomik. Die heute 76-jährige, mit unerschöpflicher Begeisterung forschende Amerikanerin, wollte von den jungen Doktoranden in Freiburg nicht etwa mit "Professor Ostrom" angesprochen werden, sondern einfach nur mit "Lin".Sie teilt den diesjährigen Nobelpreis mit Oliver Williamson, der im Alter von 77 Jahren in Berkeley als Professor für Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre und Rechtswissenschaft forscht. Ein solcher Lehrstuhl wäre in Deutschland undenkbar, wo zudem mit 67 Jahren die Zwangsverrentung erfolgt. Ostrom und Williamson eint auch die Fähigkeit, über die engen Grenzen einer Disziplin hinaus zu denken. Für beide Nobelpreisträger geht es um die Frage, wie Menschen mithilfe von Institutionen (Regeln, Handlungsrechte) soziale Probleme lösen können. Und beide kommen zum Ergebnis, dass die nachhaltigsten, effizientesten und gerechtesten Lösungen oft jenseits der Extreme von reinem Markt oder staatlicher Überwachung gefunden werden.
Werbung
Für Elinor Ostrom stehen Umweltprobleme im Vordergrund. Die Tragik der Allmende besteht darin, dass es sich um knappe Umweltgüter handelt (etwa: Fischereigründe oder Weiden), die übermäßig genutzt werden, weil hier private Eigentumsrechte nicht oder nur unter zu hohen Kosten zuzuordnen sind. Darum ist es etwa für jeden einzelnen Fischer rational, so viel Fisch wie möglich zu fangen; sonst ließe er ja nur mehr für die anderen übrig. Wenn aber alle Fischer so handeln, stellen sich auf Dauer auch alle schlechter; der See wird überfischt.
Viele Ökonomen stellen in solchen Fällen Marktversagen fest und rufen nach staatlicher Regulierung (Fangquoten oder Fangverbote). Elinor Ostrom dagegen fragt, wie derlei Probleme in der Praxis gelöst werden. Und da findet sie oft weder Markt- noch Staatslösungen, sondern zivilgesellschaftliche Selbsthilfe. In Alanya an der türkischen Riviera etwa jagten die Fischer einst gleichzeitig den großen Schwärmen hinterher und dezimierten sie dadurch übermäßig. Als es ihnen bewusst wurde, lösten sie das Problem mit einer Regel, auf die sich alle einigen konnten: Sie teilten die Fanggründe so auf, dass für jeden Fischer ein Gebiet definiert ist, in dem er allein fischen darf. Diese Fanggründe werden zunächst per Los zugeteilt; danach wechseln sie täglich im Rotationsverfahren. So wird das Überfischen vermieden, alle kommen zum Zug, niemand wird benachteiligt – und all das ohne politischen Eingriff oder staatliche Kontrolle.
Auch Oliver Williamson untersucht die Lösung von Konflikten mit Hilfe von Institutionen jenseits von staatlicher Hierarchie und Wettbewerb auf einem Markt. Sein Augenmerk gilt vor allem der Firma und verschiedenen anderen Formen der Organisation. Reine Marktlösungen scheitern oft dadurch, dass die Nutzung des Marktes selbst kostspielig sein kann. Hohe Transaktionskosten (die Suche nach Geschäftspartnern, die Vereinbarung von Verträgen und deren Kontrolle) machen es oft attraktiv, spezifische Austauschbeziehungen intern, innerhalb einer Organisation wie der Firma dauerhaft und eher hierarchisch zu regeln. Welche Formen solcher "corporate governance" unter welchen Umständen am ehesten stabil und effizient sind, untersucht Williamson mit Hilfe einer Institutionentheorie, die ohne die Fiktion des rationalen, allwissenden "homo oeconomicus" auskommt und viele rechtliche Details zu berücksichtigen in der Lage ist. Williamsons Forschungsgebiet hat durch die Finanzkrise ganz unerwartet Aktualität erhalten.
Dass die ideologiebeladene Diskussion um die Alternative Markt oder Staat unergiebig ist, hat schon die Freiburger Schule um Walter Eucken betont. Dass diese ordnungsökonomischen Fragen noch heute bedeutsam sind, hat man auch und gerade in den USA erkannt. Ostrom und Williamson: zwei Nobelpreisträger, über die man sich gerade in Freiburg freuen darf.
– Dr. Michael Wohlgemuth ist geschäftsführender Forschungsreferent am Freiburger Walter Eucken Institut.
Autor: Michael Wohlgemuth






