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27. Oktober 2016 16:08 Uhr

Freiburg

Jüdische Gemeinde will Synagogenreste komplett erhalten – Stadt baut trotzdem

Nach dem Fund von Synagogenresten in Freiburg hat die Israelitische Gemeinde ihr Votum abgegeben: Sie ist einstimmig für den Erhalt an Ort und Stelle. So fiele der geplante Gedenkbrunnen ins Wasser. Doch der wird gebaut. "Wir werden trotzdem so verfahren wie vorgeschlagen", sagte Oberbürgermeister Dieter Salomon.

  1. Eine Mahnwache forderte den sichtbaren Erhalt der Synagogenreste Foto: Michael Bamberger

  2. Die Mauerreste der Alten Synagoge Foto: Ingo Schneider

Am Platz der Alten Synagoge fand gegen Abend eine Mahnwache statt. Rund 30 Menschen, ein Viertel davon Medienvertreter, stehen am Bauzaun. An dem hängt ein Transparent, das den Wiederaufbau der 1938 von Nazis zerstörten Synagoge und ein NS-Dokumentationszentrum fordert. Die Maximalforderung in der Debatte. "Minimalistisch", nennt François Blum das Angebot, das die Stadtverwaltung der Gemeinde am Mittag machte: 90 Prozent der Fundamentreste im Boden zu erhalten und den Rest abzutragen, um den Gedenkbrunnen wie geplant auf dem Grundriss der Synagoge zu bauen. Blum ist Nachfahre des 1865 gewählten Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Freiburgs. Die Gemeinde lehnte das ab.

"Die Steine sollen da, wo sie sind, erhalten und sichtbar gemacht werden", sagt die heutige Vorsitzende Irina Katz. "Das Votum war einstimmig." Rund 80 der 700 Gemeindemitglieder waren zur Abstimmung gekommen. Baubürgermeister Martin Haag und Landesdenkmalpfleger Bertram Jenisch hatten zuvor über ihren Vorschlag informiert. Jenisch erklärte anhand von Bodenradarbildern, dass die Mauern im verdichteten und kiesigen Boden vorher nicht zu sehen waren. Alles wurde ins Russische übersetzt, die meisten Gemeindemitglieder stammen aus der ehemaligen Sowjetunion.

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Erhalten wollen die Reste alle, die Frage ist nur wie. "Ein sichtbarer Erhalt wird zum Verlust des Denkmals führen", erklärte Jenisch. Denn unter Glas würden sich Feuchtigkeit und Algen bilden; an der Luft müsste man die Steine künstlich so haltbar machen, dass sie zum Kunstprodukt würden. Auf Dauer könne der Fund nur geschützt im Boden erhalten werden – wie ein ganzer Synagogenkeller in Gottmadingen am Bodensee.

"So deckt man Geschichte zu", meinte eine Archäologin der jüdischen Gemeinde: "Das ist wie ein Stolperstein." Mehrere Männer erzählten von einer Glaskuppel über Funden in Moskau. "Das funktioniert seit Jahren", sagte ein Mann auf Russisch. "Es ist gut zu zeigen, wozu Barbarei führen kann." Ein Mann mit Kippa konnte sich vorstellen, Steine zu entnehmen und den Speiseraum für Obdachlose der Synagoge zum Museum zu machen.

"Niemand will die Geschichte zudecken", sagte Haag. Die Stadt überlege seit 15 Jahren, auch mit der Gemeinde, wie sie mit dem Platz umgeht. Er schlug vor, den Wasserspiegel zu bauen und die abgetragenen Steine zum weiteren Mahnmal zu machen: "Das wäre eine Lösung für das Herz und eine für den Kopf."

Der Vorstand der Gemeinde stehe unter Druck, sagte Katz. Sie erreichten rund 100 Zuschriften von Mitgliedern, aus der Stadt und dem Ausland. "Jeder Stein ist mit unserem Blut getränkt", liest sie aus einer Mail vor. "Jetzt muss die Stadt Freiburg schauen, was sie damit macht", meinte die 59-Jährige nach dem Votum.

"Die Stadt nimmt das zur Kenntnis", sagte Salomon. Er bedauerte das Votum, aber es werde nun so verfahren "mit Frau Katz eigentlich auch einvernehmlich besprochen". Nächste Woche sollen die Bauarbeiten am Brunnen weitergehen. Salomon sprach am Donnerstag mit Benjamin Soussan. Dem früheren Rabbiner Freiburgs und des Landes zufolge gebe es keinen religiösen Grund, die Steine zu belassen, indes sollte der Synagoge aus historischem Grund ehrwürdig gedacht werden. Salomon und Haag sind überzeugt, dass das mit dem Brunnen erfolgt. Zudem meldete sich Ursula Amitai, die als Vize-Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde 2004 sagte, diese habe kein Interesse an etwaigen baulichen Funden. Eine Synagoge sei kein Sakralbau, sondern ein Versammlungsort. "Ich teile Ihnen dies auch auf Drängen vieler junger Freiburger Juden mit", wird Amitai zitiert.

Auch der Vorstand der liberalen Chawurah-Gescher-Gemeinde, die 60 Mitglieder hat, will der Stadtspitze mitteilen, wie aus ihrer Sicht mit den Funden umgegangen werden soll.

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Autor: Simone Höhl, aktualisiert um 19.55 Uhr