Novartis steigt aus

Kein Geschäft mit Antibiotika mehr

Bernhard Walker

Von Bernhard Walker

Mo, 16. Juli 2018 um 20:02 Uhr

Wirtschaft

Mit dem Basler Pharmariesen Novartis zieht sich ein Branchenschwergewicht aus der Entwicklung neuer Antibiotika zurück – ein Alarmzeichen.

Seit Jahrzehnten sind sie Wunderwaffen der Medizin. Dass sich nun mit Novartis ein Riese der Pharma-Branche aus der Entwicklung neuer Antibiotika zurückzieht, ist ein weiterer Hinweis auf die großen Schwierigkeiten, die es wissenschaftlich und in puncto Finanzen bei Entwicklung und Anwendung dieser Medikamente gibt.

Aus Sicht unzähliger Patienten ist diese Lage gravierend. Denn Antibiotika sind nicht nur die Mittel der Wahl, um eine bakterielle Infektion zu heilen, die beispielsweise eine Blasen- oder Lungenentzündung verursachen. Ohne Antibiotika wären auch viele Chemotherapien bei Krebsleiden, Kaiserschnitte, Organtransplantationen oder chirurgische Eingriffe wie ein künstliches Hüftgelenk undenkbar. Sie haben auch wesentlich dazu beigetragen, dass heute weitaus weniger Menschen im Zuge einer Infektion an einer Blutvergiftung sterben, als dies noch vor wenigen Jahrzehnten der Fall war.

Die Menschheit hat also größtes Interesse daran, dass die Wunderwaffe nicht stumpf wird. Genau das jedoch ist geschehen: Durch übermäßigen oder falschen Gebrauch von Antibiotika haben viele Erreger sogenannte Resistenzen entwickelt. Die bekanntesten Beispiele dafür sind der Krankenhausheim MRSA oder die multiresistente Tuberkulose. MRSA zählt zu den sogenannten nosokomialen Infektionen, an denen in Deutschland jährlich laut dem Referenzzentrum für die Erfassung dieser Infektionen zwischen 1000 und 4000 Menschen sterben. Zugleich kamen zuletzt aber weniger neue antibakterielle Arzneimittel auf den Markt.

Die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) schreibt in einem Bericht vom Februar 2017, den sie im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums erstellte: "In den letzten drei Jahrzehnten wurden keine wirklich neuen Antibiotika entwickelt." Der Verband forschender Arzneimittelhersteller kommt zu einem anderen Ergebnis: Seit 2000 habe es sechs neue Gruppen an Antibiotika gegeben. Unstrittig ist allerdings, dass es weniger Innovationen gibt, als es in der Blütezeit der Forschung bis in die achtziger Jahre hinein der Fall war.

Peter Hammann von Sanofi wies 2015 auf ein besonderes Problem hin: Für die Therapie von Infektionen, die durch gramnegative Bakterien verursacht werden, habe seit "60 Jahren keine wirklich neue Struktur den Markt erreicht". Das ist deshalb bedenklich, weil gramnegative Bakterien die Bakterien sind, gegen die sich zuletzt mehr Multiresistenzen bildeten und die ohnehin nur mit einem Teil der älteren Antibiotika bekämpft werden können.

Wer nun meint, dass weltweit unzählige Forscher auf diesem Gebiet tätig sind, irrt. Laut BCG sind es nur 500. Das hat wesentlich damit zu tun, dass sich viele Pharmafirmen aus dieser Forschung zurückgezogen haben. Von den 20 größten Unternehmen der Branche, so BCG, entwickeln nur fünf neue Antibiotika. Sie sind eben wirtschaftlich weit weniger reizvoll als Präparate in der Krebstherapie oder gegen neurodegenerative Leiden wie Alzheimer. Das gilt umso mehr, wenn es um sogenannte Reserveantibiotika geht – also um Arzneien, die erst dann genutzt werden, wenn nichts anderes mehr hilft.

Was medizinisch sinnvoll ist, widerspricht der gängigen Refinanzierung der Pharma-Industrie, die Gewinn dadurch erzielen will, dass möglichst viele Kranke ein Medikament möglichst lange einnehmen. Bei den antibakteriellen Mitteln, so die Einschätzung von BCG, ist die Wertschöpfungskette "fundamental zusammengebrochen", was sich so auswirke: "Big Pharma zieht sich zurück, kleine und mittlere Unternehmen finden weniger Investoren, die Grundlagenforschung wird reduziert – die Pipeline trocknet aus". ("Pipeline" bezeichnet in der Pharmawelt die Entwicklungen, aus denen neue Präparate entstehen könnten).

Zwar gibt es gegenläufige Entwicklungen. So hat der Basler Pharmakonzern Roche eine Kooperation mit einem kleinen Unternehmen aus dem englischen Cambridge, das seit 2009 eine Pipeline neuer Mittel zur Bekämpfung gramnegativer Bakterien baut. Und Fortschritte kann auch die akademische Forschung vermelden. So hat das Jenaer Leibniz-Institut für Infektionsbiologie im Juni mitgeteilt, dass es gemeinsam mit anderen Einrichtungen das erste in Deutschland entwickelte Antibiotikum gegen Tuberkulose gefunden hat.

Bevor es Patienten helfen kann, muss es jedoch in klinischen Studien getestet werden, was aufwendig und teuer ist – und somit nur von einem finanzstarken Pharmaunternehmen geleistet werden kann. Um Forschung und neue Präparate voranzubringen, schlägt die BCG ein anderes Finanzierungsmodell vor. Es soll eine Belohnung von einer Milliarde Dollar für das Medikament geben, das ein zuvor als besonders dringlich festgelegtes Ziel der Antibiotikaforschung erreicht. Etwas Ähnliches hatte 2016 auch ein Expertenbericht im Auftrag der britischen Regierung angeregt und eine Zahlung zwischen 800 Millionen und 1,3 Milliarden Dollar ins Spiel gebracht.

Was ungewöhnlich klingen mag, wird tatsächlich auch im politischen Raum diskutiert. So erklärten die Staats- und Regierungschefs der G-20-Staaten (das ist der Kreis der weltweiten Industrie- und Schwellenländer) auf ihrem Hamburger Gipfel im Juli 2017, dass sie "Optionen für praktische Marktanreize weiter prüfen" wollten. Diese Prüfung allerdings, so viel steht fest, wird schwer – und sei das Anliegen neuer Medikamente noch so wichtig. Denn zuvor müssten einige Fragen geklärt werden: Wer zahlt welche Summe? Wer prüft, ob ein Mittel den zuvor definierten Zweck erfüllt? Und nicht zuletzt: Wie wird sichergestellt, dass auch Kranke in armen Ländern das neue Mittel bekommen?