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23. März 2015 19:13 Uhr

Dokumentarfilm

Schöne neue Perspektiven: "Baden-Württemberg von oben"

Der Dokumentarfilm zeigt fremde Wirklichkeiten – oder aber bekannte Welten aus einem neuen Blickwinkel. Jetzt kommt "Baden-Württemberg von oben" neu in unsere Kinos.

  1. Der Blick von oben zeitigt ein anderes Bild: ob bei dem Freiburger Stadtteil Vauban... Foto: Vidicom

  2. ...oder bei den Fischtreppen am Hochrhein bei Rheinfelden. Foto: Vidicom

Der Dokumentarfilm ist das Lieblingsgenre eines Publikums, das der reinen Fiktion überdrüssig ist: Er zeigt ihm fremde Wirklichkeiten – oder aber bekannte Welten aus einem neuen Blickwinkel. Letzteres macht den Reiz der "Von oben"-Filme aus, etwa der Doku "Home" des französischen Fotografen und Journalisten Yann Arthus-Bertrand mit Luftaufnahmen von allen fünf Kontinenten oder der BBC-Reihe "Britain from Above".

In Deutschland lockte der Wahlhamburger Peter Bardehle mit vier Dokumentarfilmen aus der Vogelperspektive – über Nord- und Ostsee, die Alpen und den Rhein – insgesamt fast eine halbe Million Zuschauer in die Kinos; jetzt kommt der 1960 in Heidenheim an der Brenz geborene Filmemacher zum ersten Mal mit einer Kinodokumentation über seine Heimat: "Baden-Württemberg von oben" ist ein eindrucksvoller Bilderbogen und macht sich auf der großen Leinwand natürlich bestens.



Kameramann Klaus Jürgen Stuhl drehte mit der modernsten Helikopterkamera der Welt, der Cineflex, die aus militärischen Überwachungskameras der CIA entwickelt wurde. Sie ermöglicht absolut wackelfreie Bilder und Zooms aus großer Flughöhe: So sanft gleitet sonst nur ein Vogel durch die Lüfte. Drei Jahre waren Bardehle und Ko-Regisseurin Julia Zantl für ihren Film unterwegs, aus 150 Stunden Bildmaterial wurden 95 Minuten geschnitten, mit atmosphärisch stimmiger Musik unterlegt und von der Schauspielerin Nina Hoss – einer gebürtigen Stuttgarterin übrigens – sehr gelungen betextet.

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Viel Raum zum Schwelgen in der Schönheit

Ihre Stimme, in der ja immer zugleich verhaltene Sachlichkeit und das Staunen über die Dinge aufscheint, passt gut zum Duktus dieses Films: "Baden-Württemberg von oben" liefert eine Fülle von Sachinformationen und lässt dabei viel Raum zum Schwelgen in der Schönheit des Gezeigten. Die Kinoreise gliedert sich in vier Etappen: Neckar, Rhein und Schwarzwald, Donau und Alb sowie Oberschwaben und Bodensee. Sie beginnt in Villingen-Schwenningen, der badisch-schwäbischen Doppelstadt mit dem Bindestrich, die Baden-Württembergs Landesgeschichte im Kleinen spiegelt: als arrangierte Ehe. Den Eingeborenen ist das ja nicht gerade neu, aber der Blick von oben auf das wenig nachgefragte Bauland zwischen den beiden Stadthälften spricht dann doch eine deutliche Sprache.

Auf dem Weg entlang des Neckars, über Tübingen und das aus der Vogelperspektive besonders prächtig wirkende Ludwigsburg bis hinauf nach Heidelberg und Mannheim, fragt man sich noch, ob der Film nicht ein paar Allgemeinplätze zuviel erzählt, vom "Heilix Blechle" der Autostadt Stuttgart etwa oder dem Schwabenmotto "Wer den Heller nicht ehrt, ist des Talers nicht wert". Aber schon wenn dessen Herkunft erklärt wird, aus der im Mittelalter reichen Salzstadt Schwäbisch Hall nämlich, wo die Staufer den Silberpfennig prägen ließen, ist die neugierige Aufmerksamkeit wieder da.

Angesichts der Bilder sowieso. Die sind am spektakulärsten natürlich dort, wo Landschaft oder Gebäude sich in den Himmel schrauben, wo die Luftaufnahme eine ganz neue Perspektive ermöglicht oder der Blick von oben ein Leben zeigt, das sich weit unten scheinbar im Verborgenen vollzieht: das Ulmer Münster und das Heliotrop des Freiburger Solararchitekten Rolf Disch, die Stuttgart 21-Baustelle und die Gefahr des "schwäbischen Versailles", Weinterrassen am Kaiserstuhl und Felsnadeln der Schwäbischen Alb, eine Lawinenkante auf dem Feldberg und der Mössinger Bergrutsch, Wasserbüffel und Starentänze, Moorseen und Stauwehre, Burgen und Schlösser und ein Bauprojekt im Wald bei Messkirch, wo mit den Mitteln des neunten Jahrhunderts eine Klosterstadt errichtet wird.

Historisches Material zeigt andere Dimension

Peter Bardehle zeigt aber nicht nur Stadt-Land-Fluss-Ansichten der Gegenwart: Historisches Material – die Originalaufnahmen wurden in Archiven in den USA entdeckt – dokumentieren die Bombenangriffe auf Mannheim, Stuttgart, Pforzheim und Karlsruhe und verleihen dem Filmtitel "Baden-Württemberg von oben" eine beklemmende andere Dimension. Insgesamt dominiert freilich die Feier der Naturschönheit und baulichen Pracht in diesem Landstrich, in dem fast immer die Sonne zu lachen scheint.

Zumal am Ende, wo die Weite des Bodensees und das glückliche Miteinander der Anrainerstaaten zum Auftragsmodell für Badener und Schwaben wird. Und während das Licht rotgolden im See versinkt, lässt SWR-Comedian Andreas Müller der Deutschen liebstes badisch-schwäbisches Paar einander aufziehen, den Jogi und den Klinsi. Das verwitzelt das Finale vielleicht über Gebühr, nimmt den Bildern aber auch ein wenig vom hohen Pathos – und kann den Gesamteindruck dieses sehenswerten Films sowieso nicht schmälern.
"Baden-Württemberg von oben" von Peter Bardehle läuft ab Donnerstag, am Samstag um 17 Uhr in der Freiburger Harmonie und um 20 Uhr im Offenburger Forum in Anwesenheit der Filmemacher.

Autor: Gabriele Schoder