Schwelgerische Nähe

epd

Von epd

Do, 17. Mai 2018

Kino

DOKU: "Maria by Callas".

Sie straft ihr eigenes Urteil Lügen, Musik sei die einzige Sprache, die sie wirklich beherrsche. In Interviews und Briefen will sie für unbedingte Klarheit sorgen: Die Welt soll genau wissen, was in Maria Callas vorgeht. Es gibt so viel, das richtiggestellt werden muss. Die Beredsamkeit der Diva besitzt klugen, wehrhaften Charme. Sie muss sich rechtfertigen für ihren Ruhm, ihre Niederlagen, ihr Privatleben. Die Medien erklärten sie zum Freiwild; spätestens seit jenem Abend Ende der 50er Jahre, als die ausverkaufte Vorstellung von "Norma" abgebrochen werden musste, weil ihre Stimme versagte. Seitdem wurde sie zur Paranoikerin und wähnt überall einen Feind, der auf das kleinste Zeichen der Schwäche wartet.

Tom Volfs Film zeigt die Legende aus erster Hand. Maria Callas ist in seltenen Aufnahmen von Opernaufführungen zu sehen und auf der Tonspur mit ihren berühmten Arien präsent. Vor allem jedoch gibt sie Auskunft über sich selbst. Das ist riskant, denn es fehlen Gegenstimmen, die eine andere Perspektive auf ihre Karriere und Biografie eröffnen könnten. Als einziger Off-Kommentar fungieren Auszüge aus ihren Briefen, die im Original von der mehrmaligen Callas-Darstellerin Fanny Ardant gelesen werden und in der Synchronfassung von Eva Mattes.

Volf hatte Interviews mit Freunden, Weggefährten und Zeitzeugen geführt, verwarf aber die 60 Stunden Drehmaterial (nur Elvira de Hidalgo, die Gesangslehrerin der Callas, blieb als "Talking Head"), als seine Gesprächspartner ihre Schatztruhen öffneten und fesselndes, oft nie zuvor gesehenes Material zutage kam. "Maria by Callas" ist das Dokument der unzerbrechlichen Faszination des französischen Regisseurs für seinen Gegenstand. Und das filmische Äquivalent eines prächtigen Coffee-Table-Book, das die Sensibilität des gelernten Mode- und Reisefotografen verrät: Elegant montiert Volf Auftritte und Selbstzeugnisse mit Ansichten der Orte, an denen sich ihr Leben zutrug. Die mondänen Rituale einer vergangenen Epoche leuchten in Schwarzweiß und anmutig gedämpften Pastelltönen wieder auf. So entsteht die schwelgerische Nähe zu einem Mythos, der die Deutungshoheit über sich selbst nie aus der Hand geben muss. (Läuft in Freiburg, ab 0)