Und das Wort hat Raum genommen

Gerhard Midding

Von Gerhard Midding

Do, 14. Juni 2018

Kino

KOMÖDIE: "Die brillante Mademoiselle Neila" von Yvan Attal spielt mit wechselseitigen Lernprozessen zwischen den Kulturen.

Das französische Kino kennt keine Scheu vor der Beredsamkeit – aber es ist ihm bewusst, dass das Wort nach Raum verlangt. Es braucht Widerhall. In einem visuellen Medium ist dies zunächst eine Pflicht. In Yvan Attals neuem Film gerät sie rasch zur Kür. Es sind immense, einschüchternde Räume, in die sich die Jurastudentin Neila Salah (Camélia Jordana) eingangs hineinwagt. Sie eilt durch die imposante Eingangshalle der juristischen Fakultät, um rechtzeitig zur Vorlesung zu kommen. Ihre Verspätung stört den Dozenten Pierre Mazard (Daniel Auteuil) gewaltig.

Der Professor verwandelt den Hörsaal in ein Tribunal. Er ist berüchtigt für seine rassistischen und sexistischen Entgleisungen, und die junge Frau mit maghrebinischen Wurzeln scheint ein dankbares Opfer zu sein. Aus dem Plenum schlägt ihm heftige Empörung entgegen. Unter dem Druck der sozialen Netzwerke ist Mazard kaum noch tragbar.

Doch der Dekan gibt ihm eine letzte Chance: Er soll Neila auf einen Debattenwettbewerb vorbereiten. Ein Dialog der beiden scheint unmöglich. Mazards Begriff von französischer Kultur ist elitär und exklusiv, er ist ein Mensch, der seine Epoche verachtet. Dennoch muss er einwilligen. Der Unterricht lässt sich als beiderseitige Zumutung an. Die Frage der Pünktlichkeit wird zum Leitmotiv von verhängnisvoller Tragweite. Aber als Mazard Neila auffordert, sich im leeren Hörsaal und später in der lärmenden Enge der Metro Gehör zu verschaffen, ahnt man, dass in ihm ein gewiefter Pädagoge steckt.

Das Cinemascope-Format (Kamera: Rémy Chevrin) gibt den Kontrahenten Raum, in dem sie sich behaupten können. Das Drehbuch kann zunächst eine paternalistische Auffassung vom Glück des Kulturerwerbs propagieren, aber Neila muss ihre eigene Sprache und Kultur nicht verlieren. Ihre Herkunft aus einer Sozialsiedlung wird nicht als Problem beschworen. Und sie verfügt – keine geringe Tugend in der gut geölten Dramaturgie des Films – über viel Humor.

Natürlich werden die zwei ihre Vorurteile überwinden und wird Neila schließlich Triumphe feiern. Aber sie dürfen einander überraschen. Es besitzt nicht nur leichtfüßige Geschmeidigkeit, wenn aus dem Duell ein wachsames Spiel wird. Die Lernprozesse müssen wechselseitig sein, was die Montage in eine schöne Parallelführung der Temperamente und Lebensauffassungen übersetzt. Das Erlernte soll überdies seine Alltagstauglichkeit beweisen. Ihr wichtigstes Plädoyer (und das mit dem größten Pathos) wird die Schülerin am Ende für ihren Lehrmeister halten.

"Die brillante Mademoiselle Neila" (Regie: Yvan Attal) läuft in Freiburg. Ab 0.