Das Sängerfest im Konzerthaus

Johannes Adam

Von Johannes Adam

Di, 28. Februar 2017

Klassik

Der Dirigent René Jacobs und das Freiburger Barockorchester halbszenisch mit Mozarts Oper "Così fan tutte".

Der kluge Mann liest Zeitung, weiß also, wo man nach wie vor bestens informiert wird. Dieser Herr trägt Anzug. Und zwar einen grauen. Don Alfonso, der alte, offenkundig aber noch überaus umtriebige Philosoph, ist Hauptfigur und Strippenzieher in dieser Schule der Liebenden. In die Schule geht man bekanntlich, um zu lernen. Gelernt haben hinterher alle. Denn: Der Dirigent René Jacobs und das Freiburger Barockorchester (FBO) führten Mozarts Oper "Così fan tutte" auf, jenes Dramma giocoso (heitere Drama) nach Lorenzo Da Pontes Libretto. Nicht "konzertant", wie allzu bescheiden das Programmheft verkündete, sondern nach Jacobs’schem Gusto (mindestens) halbszenisch. Das bedeutet: Die Sänger standen keineswegs mit den Noten in der Hand in einer Reihe, sondern sangen auswendig und bewegten sich kostümiert.

Verglichen mit einer veritablen Inszenierung, fehlte da – abgesehen vom Bühnenbild – nicht viel. Apropos Bühne: Auf ihr hatte das FBO Platz genommen. Und mit einer – musikalischen Leerlauf meisterlich persiflierenden – Ouvertüre, die hier enormen Drive hatte, startete Jacobs diesen Zweiakter als ein Experiment – genauer: als eine Kettenreaktion, die weder ein Anhalten noch ein Zurück kennt. Der Bewegungsimpuls des Vorspiels erwies sich dabei sogar als derart intensiv, dass er auch ins erste Terzett hinüberschwappte, in welchem das Orchester den Sängern bisweilen davonzueilen drohte.

Jenen Vokalisten, die, wie sich bald zeigen sollte, den Abend im ausverkauften Freiburger Konzerthaus zu einem Sängerfest werden ließen. So ist der zunächst unablässig mit einem Taschentuch (Hitze des Experiments oder schnöder Schnupfen?) herumfuchtelnde Don Alfonso bei Marcos Fink ein gestandener Mann mit allzeit noblem Bassbariton. Die Zofe Despina, gerissen, souverän und ziemlich sexy, hat bei der Koreanerin Sunhae Im einen Sopran mit Format und weit mehr als nur ein Soubretten-Stimmchen. Bei den Paaren, dem Treuetest-Personal, fragt man sich ob der gebotenen Qualität fast, wo man mit dem Loben beginnen soll. Mark Milhofers Ferrando ist jedenfalls ein Mozart-Tenor derart hohen Grades, dass einem sogar der Vergleich mit Fritz Wunderlich in den Sinn kommt – bei Jacobs darf Milhofer auch die bereits von Mozart gestrichene mittlere Ferrando-Arie ("Ah lo veggio quell’anima bella") vortragen (die deutsche Textversion war übertitelt). Robin Johannsens leichte und doch intensive Soprankunst als Fiordiligi erweist sich bis in die Verzierungsverästelungen hinein als erstklassige Wahl. Virtuosität: bei dieser Fiordiligi kein Problem – man denke an die Arie "Come scoglio immoto resta"). Sophie Harmsens Dorabella-Mezzosopran verbindet Wärme und Flexibilität. Ein Garant für lyrische Baritonnoblesse ist Christian Senns Guglielmo.

Jacobs, der von Hause aus vokalaffine Dirigent, trägt die Sänger gleichsam auf Händen, solistisch und in den Ensembles. Wenn er das Dirigentenpodest auch mal mit der quirligen Despina teilen muss – geschenkt. Jacobs, der bekanntlich zu Mozart einen direkten Draht hat, gestaltet subtil. Jacobs’ Mozart klingt historisch informiert, schlank, indes nie blutarm. Und immer ungemein ausdrucksvoll, ohne Durchhänger, atmosphärisch dicht. Der Dirigent bringt in den im Grunde brutalen Treuetest musikalische Wärme und Wonne hinein. Mit dem von Petra Müllejans angeführten Barockorchester. Den exzellenten Streichern und formidablen Bläsern. Mit Sebastian Wienand, dem aufmerksam und geschmeidig agierenden Tastenkönner am Hammerklavier.

Wenn die hervorragende, vom Freiburger Chorprofessor Frank Markowitsch einstudierte Vokalakademie Berlin die Szene (in diesem Fall das Auditorium) kreuzbrav betritt und sich alsbald zackig und soldatisch vernehmen lässt, dann macht auch dieses Handlungsmuster Sinn. Achtung, Versuch! Ernst ist das Leben, heiter die Kunst – auch wo die seltsamen Mesmer’schen Heilungsmethoden bemüht werden. Partnertausch, ein bisschen Maskerade an diesem langen, aber sehr kurzweiligen, durchweg hochkarätigen und letztlich bejubelten Sonntagabend im Fokus der Fasnet. Und dann: Das Experiment, die Kettenreaktion, die kein Halten kennt, ist zu Ende. Alle sind an Erfahrung reicher. Einen Sieger gibt es. Sein Name: Mozart.