Die Macht über das klangliche Schicksal

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Mo, 18. September 2017

Klassik

Riccardo Chailly, Leonidas Kavakos und die Mailänder Filarmonia della Scala eröffneten die Freiburger Albert-Konzerte-Saison mit Brahms und Respighi.

Zuvörderst ein Lob des Publikums. Beklemmend wirkt die Stille im voll besetzten Freiburger Konzerthaus, die Leonidas Kavakos begleitet bei seiner großen Kadenz im ersten Satz von Brahms’ Violinkonzert. Man kann auch nicht anders, als sich dieser Interpretation bedingungslos auszuliefern in ihrer knisternden Spannung, in der berückenden Klangsinnlichkeit (Doppelgriffe) und der gestalterischen Überlegenheit. Keine Stecknadel fällt zu Boden – man hätte es gehört.

Mit einer Dezenz, die auch zu seinem Spiel passt, ist Kavakos, Jahrgang 1967, in den Geiger-Olymp eingezogen, und in seiner Mischung aus technischer Reife und tiefem geistigen Durchdringen der Materie gebührt dem 49-jährigen Griechen dort ein Platz ganz in der Mitte. Freilich, die Paarung ist eine exquisite bei diesem Auftaktabend der Albert-Konzerte: Mit Riccardo Chailly hat Kavakos jenen großen Dirigenten der Gegenwart am Pult, mit dem er vor wenigen Jahren Brahms’ Monolith genialisch gedeutet hat. In Freiburg begleitet nicht, wie damals, das Leipziger Gewandhausorchester, sondern die Filarmonica della Scala, deren Chef Chailly seit seinem Weggang aus Leipzig seit Herbst 2015 ist. Eine wundersame, beglückende Begegnung.

Denn die philharmonische Auslese aus Mailand gehört wie die anderen von Claudio Abbado ins Leben gerufenen Formationen zu den beglückenden Klangkörpern der Gegenwart. Die epische orchestrale Einleitung gerät Chailly und dem Orchester zu einer tiefsinnigen, tiefgrüblerischen, aber nicht vergrübelten Deutung Brahms’scher Sinfonik. Diese Interpretation unterstreicht deren oft unterschätzte Kantabilität. Brahms der Melodiker, der melancholische Sänger unter den großen Meistern des Kontrapunkts: ob beim wehmütigen Oboen-Thema, ob bei den herbstlich erblühenden hohen Streichern, impulsreich angeführt von Konzertmeister Raphael Christ, dem Schüler so großer Künstlerpädagogen wie den beiden in diesem Jahr verstorbenen Thomas Brandis und Rainer Kussmaul.

Und dann dieser wunderbare, die Musik tiefgründig räsonierende Solist. Kavakos’ Violinton hat etwas Beseelendes, nie mit Vibrato überzuckert und doch so verinnerlicht. Wenn er im Kopfsatz, wo dolce lusigando in der Partitur steht, dieses "sanfte Schmeicheln" wie ein zärtlich rubatierendes Wiegenlied anstimmt, denkt man: So schön kann Weinen sein. Das gilt übrigens ebenso für seine ganz sparsam vibrierte, empfindsam-fragile Zugabe der Bach’schen d-Moll-Sarabande BWV 1004.

Ottorino Respighis sinfonische Klangergüsse "Fontane di Roma" und "Pini di Roma" bilden dazu den Maximalkontrast. Doch gerade in den impressionistisch sprudelnden Brunnen zeigen Chailly und das Orchester, dass das Instrumentationsgenie aus Bologna keineswegs nur lärmende Gigantomanie anpeilte, sondern ein brillanter Synästhet war. Man hört die Fontane oszillieren. Und im Finale sieht man die römische Kohorte auf der Via Appia anrollen – als brutale Klangwalze. Wirkungsvoll. Noch wirkungsvoller freilich die Zugabe: die Ouvertüre zu Verdis "La forza del destino". Die Macht der Interpreten über deren klangliches Schicksal ist überwältigend.