Ein Auftakt nach Maß

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Mo, 19. Februar 2018

Klassik

Das Akademische Orchester Freiburg unter Joonas Pitkänen.

Für die vier Hörner ist der Beginn von Humperdincks "Hänsel und Gretel"-Vorspiel eine Nagelprobe: Das schlichte, anrührende Thema des Abendsegens – es soll auch so erklingen, zart, legato, ohne Kiekser. Mustergültig gelingt das beim ersten Konzert des Akademischen Orchesters Freiburg unter seinem neuen Dirigenten Joonas Pitkänen im voll besetzten Konzerthaus. Überhaupt ist die Ouvertüre ein Auftakt nach Maß, weil der Dirigent hier schon andeuten kann, wohin die Reise mit ihm geht: in Richtung satter Orchesterklang, bei dem die Farben ein ganz wichtiger Parameter sind. Der junge Finne lässt die Motive fluten, sorgt für flexible dynamische Gestaltung mit überzeugenden Crescendi und Decrescendi: wenn nicht "Kinderstuben-Weih-Festspiel"(Humperdinck), so doch eine ans Herz gehende Deutung dieser Musik.

Mit Hector Berlioz’ Symphonie fantastique wagen sich die Interpreten weit vor in den komplexen Kosmos der Romantik. Aber Pikänen lotet die Grenzen aus, um dem in allen Gruppen semiprofessionell besetzten Klangkörper daran wachsen zu lassen. Was der Interpretation noch fehlt, ist der letzte rhythmische Schliff, etwa gleich beim so filigranen Beginn des ersten Satzes. Aber umso frappierender ist, was alles funktioniert: das Glänzen des Violinklangs in der Ballszene; die pastorale Anmut des Dialogs von Oboe (auf der Seitenbühne) und Englischhorn. Oder der äußerst eindrucksvolle Beginn des Sabbatsatzes, in dem das Orchester über sich hinauswächst. Pitkänen schont die jungen Musikerinnen und Musiker nicht, verlangt ihnen auch in Tempofragen alles ab – sie belohnen ihn und das Publikum mit bemerkenswerten Sololeistungen und professionellem Corpsgeist.

Auch in der Kunst des Begleitens zeigt das Akademische Orchester höchste Tugenden. Camille Saint-Saëns’ Cellokonzert Nr. 1 fordert höchste Disziplin im komplexen Dialoggeflecht von Orchester und Solopart. Das Zuhören bereitet großen Spaß, natürlich vor allem, weil Astrig Siranossian dieses rhapsodische Werk mit ausgefeilter Technik spielt und einem sehr verinnerlichten, warmen Ton, der das französische Idiom dieser Musik unterstreicht. In den ganz leisen Stellen, gerade bei den lyrischen Themen, wird sie zur Klangphilosophin. Und dass die jungen Französin mit armenischen Wurzeln über eine exzellente Stimme verfügt, beweist sie in ihrer Zugabe, einer armenischen Volksweise: Singen mit zwei Stimmbändern und vier Saiten…