Ein Ideal erhaschen

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

So, 23. September 2018

Klassik

Der Sonntag MIt Tschaikowskys Oper Eugen Onegin startet das Theater in die neue Spielzeit.

Mit einer Tschaikowsky-Oper eröffnet das Freiburger Theater die neue Spielzeit. Für Intendant Peter Carp, der selbst Regie in "Eugen Onegin" führt, geht es darin um Sehnsüchte und nicht gelebte Gefühle. Fabrice Bollon dirigiert das Philharmonische Orchester Freiburg, das lange keine russische Oper mehr gespielt hat.

Keine knallige Ouvertüre eröffnet "Eugen Onegin". Die Oper beginnt ganz lyrisch – mit einer fallenden Figur in den Streichern. Ein melancholischer Ton ist zu hören, der das ganze Werk durchzieht. "Ich pfeife auf Effekte!", schrieb der Komponist Pjotr Iljitsch Tschaikowsky an seinen Schüler Sergej Tanejew: "Wenn Sie die zum Beispiel in irgendeiner Aida finden, so versichere ich Ihnen, dass ich um nichts in der Welt eine Oper mit einer solchen Handlung schreiben könnte, weil ich Menschen brauche und keine Puppen."

Die im Russland der 1820er Jahre spielende Geschichte nach dem gleichnamigen Roman von Alexandr Sergejewitsch Puschkin gibt einen Einblick in die russischen Adelsgesellschaft. Im Gegensatz zu ihrer lebensfrohen Schwester Olga, die mit dem Poeten Lenski liiert ist, bleibt die schwermütige Tatjana verschlossen. Als sie nach einer einzigen Begegnung dem großspurigen Eugen Onegin einen Liebesbrief schreibt, wird sie von ihm zurückgewiesen. Ganz am Ende kehrt Onegin nach vielen rastlosen Reisen zurück und entdeckt auf einem Ball in Sankt Petersburg die inzwischen mit einem Fürsten verheirateten Tatjana. Nun erklärt er ihr seine Liebe, aber Tatjana hält trotz wieder aufflammender Gefühle ihrem Ehemann die Treue.

"Das ist eine große romantische Liebesgeschichte und als solche natürlich immer interessant", sagt Intendant Peter Carp. "Es geht in ,Eugen Onegin’ um Sehnsüchte, große Projektionen auf andere Menschen, nicht gelebte Gefühle. Es geht um die Einbildungskraft, die das Leben reicher, emotional voller, aber nicht unbedingt immer einfacher macht." Mit "Hoffmanns Erzählungen" am Theater Luzern hat der Regisseur bislang nur eine Oper inszeniert: "Es gibt im Musiktheater eine Informationsebene mehr als im Schauspiel, nämlich die Musik, deren Aussagen ja nicht immer deckungsgleich sind mit den Texten", erklärt der Intendant. Und schwärmt von der Arbeit mit dem jungen Ensemble.

Die Rolle der Tatjana wird die französische Mezzosopranistin Solen Mainguené übernehmen, die festes Ensemblemitglied des Theaters ist. Für Tschaikowsky ist Tatjana "nicht nur ein kleinstädtisches Fräulein, das sich in einen großstädtischen Dandy verliebt. Sie ist ein vom wirklichen Leben noch unberührt gebliebenes jungfräuliches Wesen von reiner, echt weiblicher Schönheit. Sie ist eine träumerische Natur, die ein unbestimmtes Ideal sucht und es leidenschaftlich zu erhaschen strebt."

Besonders der erste Akt wird ganz aus der Perspektive Tatjanas erzählt. Wenn sie in der großen Briefszene ihre Gefühle an Eugen Onegin offenbart, dann hört man in der regelmäßigen Begleitung des Orchesters das Schreiben der Feder. Im zweiten Akt steht Lenski im Mittelpunkt, der, von Eifersucht getrieben, bei einem Duell mit Eugen Onegin getötet wird. Im dritten Akt widmet sich Tschaikowsky schließlich ganz der Titelfigur. Zur Inszenierung und zum Bühnenbild möchte Peter Carp noch nichts Konkretes verraten, nur so viel: "Der erste und zweite Akt werden auf dem Land spielen, wie im Stück vorgegeben. In der Geschichte gibt es zwischen dem zweiten und dritten Akt einen großen Zeitsprung. Der dritte Akt spielt dann in der Großstadt." Tschaikowskys Musik ist ganz der Sprache angepasst. Ein atmosphärisch dichter, natürlicher Konversationston prägt die Oper. Deshalb wird bei der Freiburger Produktion die Oper auch in der Originalsprache Russisch gesungen, obwohl keine Muttersprachler im Ensemble sind. Sprachcoaches helfen bei der Einstudierung. In "Eugen Onegin" entwickelt Tschaikowsky einen ganz persönlichen musikalischen Ton: "Ein intimes, aber starkes Drama, das auf Konflikten beruht, die ich selber erfahren oder gesehen habe, die mich im Innersten berühren können."
Eugen Onegin, Premiere am Freitag, 28. September, 19.30 Uhr, Theater Freiburg, Großes Haus, viele weitere Vorstellungen, Karteninfos unter 0761 / 496 88 88. (Ausstellungseröffnung zum Thema um 18 Uhr im Winterer-Foyer)