Eindringliche Tongestaltung

Sarah Nöltner

Von Sarah Nöltner

Di, 28. November 2017

Klassik

Der Freiburger Oratorienchor interpretierte Klagegesänge.

Klagegesänge haben eine lange Tradition in der abendländischen Musik. Frühe mehrstimmige Vertonungen sind aus der Mitte des 15. Jahrhunderts überliefert. Polyphone Lamentationen von Komponisten aus Renaissance, Barock und jüngerer Zeit brachte der Freiburger Oratorienchor jetzt unter der Leitung von Bernhard Gärtner in der Christuskirche zum Klingen. Ergänzt wurde das Chorprogramm mit instrumentalen Solowerken, gespielt von Kirsten Galm (Orgel) und Niels Pfeffer (Theorbe).

Mit zurückgenommenem Chorklang, der zum bedrückenden Inhalt von Thomas Tallis’ "Lamentationes Jeremiae" passte, eröffneten die Sänger ihr Konzert. Bei allen Werken trafen sie den immanenten Duktus, die gedrückte, latent verzweifelte Stimmung, gut. Seine klangliche Qualitäten zeigte der Chor besonders schön bei Francis Poulencs "Tenebrae factae sunt", der weiche Umgang mit dynamischen Wechseln und eine eindringliche Tongestaltung überzeugten. Der Wechsel mit den Solistinnen Johanna Prielmann (Sopran) und Julia Werner (Alt) – beide Gesangsstudentinnen von Gärtner – in Purcells "Let mine eyes run down with tears" gelang gut, die Continuo-Begleitung von Galm und Gesine Queyras (Cello) wirkte souverän.

Bei Kirsten Galms abwechslungsreicher Interpretation von Franz Liszts "Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen" an der Rieger-Orgel wollte man dem Titel gern ein "Zornen" hinzufügen – so ausdrucksstark gelang das tiefe Grummeln im Pedal mit den darüber gellenden Akkorden an den Manualen. Unter wohldosiertem Schwellereinsatz dynamisch an die Grenzen von Pianissimo bis Fortefortissimo gehend, führte Galms Chromatiken fein auf- und abwärts und traf den verzweifelten Ausdruck des Romantik-Stücks. Mit sorgsamer und durchsichtiger Artikulation gestaltete er auch Sweelincks "Pavane Lachrimae" am Orgelpositiv, zarte Arpeggien, überaus gepflegte Verzierungen, schöne Linienführung und eine logisch aufgebaute Registerwahl machten die Interpretation zu einem klingenden Kleinod.

Niels Pfeffer (Theorbe) ergänzte das Programm um feine Klänge: Wie zart er die Melodien gegenüber den Begleitstimmen auf seinem Instrument hervorhob und dennoch keinen der von Robert de Visée komponierten Töne ("Courante" und "Plainte ou Tombeau") verschluckte, war beeindruckend.