Ernst, schimpfend, streitbar – und mit Empathie

Johannes Adam

Von Johannes Adam

Mi, 04. April 2018

Klassik

Der RIAS-Kammerchor, das Freiburger Barockorchester und der Dirigent Pablo Heras-Casado mit Mendelssohns "Elias".

Ein Sonderzug war im August 1846 erforderlich, um mehrere hundert Akteure nach Birmingham zu bringen – an den Ort der höchst erfolgreichen Uraufführung. Rein quantitativ gestaltete sich jetzt also die Darbietung von Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium "Elias" im ausverkauften Freiburger Konzerthaus kaum historisch informiert. Und doch war sie es. Das nun von Anne Katharina Schreiber als Konzertmeisterin angeführte Freiburger Barockorchester zählte 50 Mitglieder, der RIAS-Kammerchor rund 40.

Auch ohne Scharen hatte der "Elias" damit bereits viel von dem, was er benötigt. Zumal auch ein Top-Sänger der Titelpartie zur Stelle war: Matthias Goerne, der weltweit an den großen Opernhäusern zu hören ist. Goerne, anders als sein in Freiburg bekannter Kollege Peter Lika kein raumgreifender Bass, sondern eher ein Exponent der (bass-)baritonalen Fraktion, brauchte an diesem Abend ein Weilchen, um sich vollends frei zu singen. Der einleitenden Drohung ("Es soll diese Jahre weder Tau noch Regen kommen") fehlte der letzte Nachdruck. Beim Spott ("Rufet lauter!") verhielt es sich ähnlich.

Dennoch zeigte Goerne den Protagonisten als eine ungemein plastische alttestamentliche Figur: ernst, eifrig, schimpfend, streitbar. Aber auch als einen Propheten, der Empathie kennt. Und, ganz menschlich, Resignation: berührend diesbezüglich die von der Cellogruppe begleitete Arie "Es ist genug!". Oder auch Frust: "O Herr, ich arbeite vergeblich". Wunderbar funktionierte bei der Interpretation insgesamt das werkimmanente Wechselspiel von lyrischen und dramatischen Momenten. Zu verdanken ist dies in erster Linie dem souveränen Dirigenten Pablo Heras-Casado, der mit umfassendem Engagement und offenbar bester Partiturkenntnis nach Art der Chormeister ohne Taktstock den Notentext werkdienlich zum Leben erweckte. Zu einem Leben, wie es packender kaum sein kann.

Besonders des Chores wegen. Im einschlägig verwöhnten Freiburg stand mit dem RIAS-Kammerchor ein (vom Freiburger Chorprofessor Frank Markowitsch einstudiertes) Profi-Ensemble zur Verfügung. Eine wie ein vokales Orchester homogen und doch äußerst differenziert nutzbare wirkmächtige Formation, von der man sich ob der Ausgewogenheit der Stimmgruppen, der vokalen Güte und nicht zuletzt ob der Vollkommenheit des Klangs ein A-cappella-Programm wünschen würde. Wucht und inszenierte Dramatik (bei Sturm, Erdbeben, Feuer), auch das so zarte Seraphische oder das Choralidiom, die aus dem Chor besetzten Ensembles: mustergültig! Mühelos das Polyphone. Mit Ausnahme von kleinen Unsicherheiten beim Blech erwies sich das Barockorchester fit auf dem Parkett der deutschen Romantik. Warm die Farben.

Bei weniger Vibrato hätte man Sophie Karthäusers Sopranlyrik noch intensiver goutiert. Marianne Beate Kiellands Mezzo gefiel durch unprätentiöse Natürlichkeit. Sebastian Kohlhepps Tenorlyrik war aller Ehren wert. Insgesamt: Das Dramatische war da. Ob es überwog, mag jeder Hörer für sich entscheiden. Die Aufführung stand im Rang eines Mendelssohn-Ideals. Schöner konnte dieser Ostermontag nicht ausklingen.