Glanz und Gloria

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Fr, 01. September 2017

Klassik

Das Sinfonieorchester Basel eröffnet die Saison mit Werken des 20. Jahrhunderts und dem Organisten Cameron Carpenter als Solisten.

Trendige Frisur, Glitzerschuhe, Ohrstecker: Cameron Carpenter ist eine auffallende Erscheinung in der Klassikszene. Der US-Amerikaner gilt als Exzentriker, als Paradiesvogel, als "Popstar der Orgel". Und er hat das Image dieses Kircheninstruments kräftig entstaubt. Nun kam der reisende Virtuose mit seiner nach eigenen Wünschen und Klangvorstellungen gebauten digitalen Orgel zum Saisonauftakt des Sinfonieorchesters Basel ins Musicaltheater.

Zwei Lastwagen braucht der 36-Jährige, um seine mobile 200-Register-Wunderorgel zu transportieren, in der Klänge verschiedenster Kirchenorgeln der ganzen Welt gespeichert und programmiert sind. Ein bisschen erinnert der Spieltisch dieser "International Touring Organ" an das komplexe Cockpit eines Jets, an dem der amerikanische Organist mit dem rebellischen Punk-Image über luxuriös ausgestattete Klangmöglichkeiten gebieten kann. Und die nutzte er für seine Transkription von Rachmaninows Rhapsodie über ein Thema von Paganini voll aus. Original für Klavier und Orchester komponiert, hat Carpenter diese Rachmaninow-Variationen über ein Thema des Teufelsgeigers für seine Spezialorgel bearbeitet. Höchst wirkungsvoll setzte er an dieser Sonderanfertigung seine irrwitzig schnelle und rasante Spiel- und Pedaltechnik in Szene. Den rasenden Tanz der Finger und Füße zu verfolgen, ist allein schon ein Erlebnis mit Event-Qualitäten.

Carpenter ist bei allem Showeffekt, den sein Auftritt hat, vor allem ein hochvirtuoser, exzellenter, technisch perfekter Spieler, der in seiner eigenwilligen Rachmaninow-Version dieses Teufelstanzes seine Virtuosität ausreizt in den schwelgerischen, glitzernden, dann wieder wuchtig wummernden Klangwirkungen und im atemberaubenden Tempo am Schluss. Das Sinfonieorchester Basel unter seinem Gastdirigenten Michal Nesterowicz lieferte dazu ein klangsattes, dynamisch differenziertes Rachmaninow-Spiel. Solist Carpenter legte in zwei Solozugaben, der Gigue aus einer Französischen Suite von Bach und Gershwins "Swanee", an seiner Digitalorgel noch mal furioses Tempo, Technik und Temperament vor.

Begonnen hatte der Start in die neue Spielzeit mit Edgar Varèses "Intégrales", einem Stück von 1924/25, das die Klangvorstellung einer modernen Großstadt heraufbeschwört: mit schrillen Bläserakkorden, gestochen scharfem Blech, prägnantem Schlagzeug. Am Dirigentenpult entwarf Domenico Melchiorre – eigentlich Solopauker im Orchester – mit einer kleineren Bläser- und Schlagwerk-Besetzung eine Art Metropolis in Klängen, ein Klanggebilde wie aus Blech und Stahl, heftig, hart, kantig, konturenscharf.

Im zweiten Programmteil ging es auf musikalischen Spaziergang durch die Ewige Stadt in den Tondichtungen "Fontane di Roma" und "Pini di Roma" von Ottorino Respighi. Dirigent Nesterowicz beleuchtete mit dem Sinfonieorchester in üppiger Großbesetzung diese Stimmungs- und Spiegelbilder aus Rom in zarten, diffizilen Farben, klangmalerischer Opulenz und atmosphärischen Zauber. Die Impressionen der Brunnen von Rom, der Fontänen in der Morgendämmerung, am Mittag und bei Sonnenuntergang, die glitzernden Reflexionen, die Wasserstrahlen, das Geplätscher, die von Blätterrauschen und Glockenschlägen erfüllte Luft, das Schwirren, Flirren und Flimmern kam im farbenreichen Orchesterspiel plastisch zur Wirkung: Im flirrenden Klang der Violinen, in den feinen hohen Holzbläsern, in den zarten Harfen, in den rauschenden Klängen kommt geheimnisvolles Flair auf. Der Dirigent achtete darauf, dass auch die gewaltigen Orchestertutti, die mächtig wogenden Passagen, die feierlich-triumphierenden Klänge im Blech, das aufblitzende strahlkräftige Trompeten-Geschmetter, vor allem in den "Pini di Roma", nicht zu martialisch und pathetisch klangen. Mit den auf der Empore positionierten Trompetern wird der Schluss in gloriosen Glanz getaucht.

Zum Saisonstart hatte der künstlerische Leiter Hans-Georg Hofmann Erfreuliches zu berichten. Entgegen dem Trend hat das Sinfonieorchester die Zahl der Besucher und Abonnenten steigern können. Und den Wunsch nach mehr Musik aus dem 20. Jahrhundert hat man schon im Eröffnungskonzert erfüllt.