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12. Februar 2009 12:01 Uhr

Deutschlands jüngste Musikprofessorin: Julia Fischer

"Meine Geige ist meine Stimme"

Unlängst erhielt sie in Cannes den Midem Classical Award als beste Instrumentalistin des Jahres. Die 1983 geborene Münchnerin zählt zu den großen Geigentalenten. Ein Porträt.

Die Antwort überrascht. Sie sei nie zufrieden mit dem eigenen Spiel, sagt Julia Fischer im Foyer des Festspielhauses Baden-Baden nach ihrer großartigen Sonntagsmatinee mit der Pianistin Milana Chernyavska. Was könnte die mit 25 Jahren jüngste deutsche Musikprofessorin damit gemeint haben? Vielleicht die nicht optimale Balance bei der eröffnenden Mozart-Sonate C-Dur KV 296, wo ihr Violinton zumindest im ersten Satz vom offenen Flügel dominiert wurde? Oder die Stelle im dritten Satz von Prokofjews Sonate, als ihr Bogen mal leicht verkantete?

Julia Fischer ist Perfektionistin. Das merkt man nicht nur daran, dass sie an diesem Morgen vor jeder Sonate ausgiebig ihr Instrument stimmt. Wenn sie mit kleinen, langsamen Schritten die Bühne betritt, dann sieht man ihre starke Selbstkontrolle und hohe Konzentration. Musik sei keine Unterhaltung, sondern eine sehr ernste Angelegenheit, sagt sie immer wieder in Interviews – und das ist in ihrem Spiel zu spüren. Nichts scheint unbegründet, nichts einfach dahingesagt. Man glaubt ihr sofort, dass sie als Kind an der Violine "superintellektuell" war. Erst ihre langjährige Münchner Lehrerin Ana Chumachenco, zu deren Schülerinnen auch Lisa Batiashvili und Arabella Steinbacher gehören, habe in ihrem Spiel die emotionale Seite gefördert.

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Auch im persönlichen Gespräch ist Julia Fischer distanziert. Ihre Antworten sind kurz und bestimmt. Sie sagt Sätze wie "Wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig" oder "Meine Geige ist meine Stimme". Raum für Zwischentöne, für Schattierungen, für Zweifel bleibt nicht. Ein Lächeln kommt nur selten über ihre Lippen. In der Schule sei sie keine Außenseiterin gewesen, warum auch? "Obwohl ich öfters wegen meiner Konzerttätigkeit im Unterricht fehlte, gab es keine Probleme mit meinen Mitschülern." Ihren musikalischen Werdegang empfindet die Münchnerin als organisch, Krisenzeiten gab es keine. Mit vier Jahren beginnt sie ihren Violinunterricht, wenig später lernt sie Klavier bei ihrer Mutter, einer slowakischen Pianistin. Noch heute tritt Julia Fischer gelegentlich als Pianistin auf und verblüfft damit. Neunjährig wird sie in die Violinklasse von Ana Chumachenco an der Münchner Hochschule aufgenommen, zwei Jahre später gewinnt sie den internationalen Yehudi-Menuhin-Wettbewerb: ein Wunderkind.

Ab 1998 beginnt Julia Fischer ihre internationale Konzerttätigkeit, die sie nach und nach mit bedeutenden Orchestern wie dem New York Philharmonic, der Dresdner Staatskapelle oder dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zusammenführt. Mit der Academy of St. Martin in the Fields, mit der sie Ende März nach Deutschland kommt, verbindet sie eine besondere Zusammenarbeit. Gerade erhielt sie in Cannes den Midem Classical Award als beste Instrumentalistin des Jahres. Persönlich abholen konnte sie den Preis nicht. Sie hatte zu tun – natürlich mit der Geige.

Die (klassische) Musik ist Julia Fischer unendlich wichtig – "das ist wie eine Religion für mich". Für Popmusik allerdings hat die Münchnerin überhaupt nichts übrig, HipHop im Musikunterricht findet sie lächerlich. Bei einer Pressekonferenz zeigt sich die Musikerin denn auch überrascht darüber, dass "Tokio Hotel" keine Herberge in Japans Hauptstadt ist. Konzentration aufs Wesentliche, Disziplin und Ernst prägen ihr Künstlertum. Ihre vollendete Bogenführung, ihr modulationsfähiger, selbst in höchsten Lagen warmer, kantabler Ton und ihre tadellose linke Hand machen sie zu einer Ausnahmegeigerin, die in ihren Interpretationen die Struktur der Komposition freilegt und emotional durchdringt.

Julia Fischer "spielt mit einzigartiger geistiger Frische, geigerischer Souveränität, Passion und Empfindungskraft", schreibt Harald Eggebrecht in seinem Standardwerk "Große Geiger". Nach zehn CDs bei kleineren Labels wie PentaTone ist sie nun exklusiv beim Branchenriesen Decca unter Vertrag. Sie wollte ja eigentlich nicht mitmachen bei der allgemeinen Personalisierung der Klassikbranche und tadelt auch schon mal Kolleginnen, die ihr gutes Aussehen zu sehr in Szene setzen. Im Booklet ihrer neuen Bach-CD gibt es nun acht verschiedene Fotos von Julia Fischer, in unterschiedlichen Roben und verschiedenen Posen. Die PR-Welle rollt, mit verträumten Blick schaut die Geigerin von zahlreichen Klassikmagazinen. Hoffentlich behält sie dabei musikalisch ihren eigenen Kopf. Anpassung ist im Musikleben selten die beste Variante.

Lesen Sie auch: Die Kritik der neuen CD von Julia Fischer

Autor: Georg Rudiger