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07. März 2016 00:00 Uhr

Nachruf

Pionier des Originalklangs: Nikolaus Harnoncourt ist tot

Erst im Dezember 2015 hatte Nikolaus Har noncourt das Ende seiner Dirigentenlaufbahn verkündet. Jetzt ist der Rastlose mit 86 Jahren gestorben. Ein Nachruf von Johannes Adam.

  1. Stets Taktstock: Nikolaus Harnoncourt Foto: APA

Unvergesslich dieses Zusammentreffen. Es dürfte Anfang der 90er Jahre gewesen sein. Am Opernhaus Zürich nach einer von ihm dirigierten Johann-Strauß-Operette – womöglich war’s der "Zigeunerbaron". Der Journalist wollte dem berühmten Nikolaus Harnoncourt ein paar Fragen stellen – der jedoch verspürte zu diesem Zeitpunkt keine sonderliche Lust auf ein Interview. Dann aber hat es doch noch geklappt. Wir beide saßen bei schummrigem Licht ganz allein in einer Loge. Endgültig war das Eis gebrochen, als dem Dirigenten klar wurde, dass seine Bücher dem Fragesteller nicht unbekannt sind. Der Journalist erfuhr sodann im Gespräch alles, was er wissen wollte.

Zürich, immer wieder Zürich. Das dortige Opernhaus war seinerzeit zu einem der Zentrum seines Wirkens geworden. Dort kümmerte sich Harnoncourt mit der ihm eigenen Akribie um die Werke Claudio Monteverdis, also um das, was wir frühbarocke Oper nennen. Den Wert der Barockoper – Harnoncourt rief ihn der Musikwelt nachhaltig ins Bewusstsein. Dass man die Qualitäten dieser Musik überhaupt erkannte, einer Tonkunst, die entstand, als die Oper in den Kinderschuhen steckte – es ist mit Harnoncourts Verdienst. Und das des Regisseurs Jean-Pierre Ponnelle. Auf Monteverdi folgte Mozart, den Harnoncourt, der 1929 in Berlin geborene Österreicher, besonders ins Herz geschlossen hatte ("Mozart lügt mit keinem Ton seiner Musik"). Nachgerade eine künstlerische Symbiose war dieses Gespann Harnoncourt & Ponnelle bis zum Tod des Regisseurs. Für den Dirigenten ging der Zürcher Gang durch die Musikgeschichte noch weiter: mit dem Regisseur Jürgen Flimm und Beethovens "Fidelio", Johann Strauß, Schubert et cetera.

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Johann Strauß und Harnoncourt – man wollte es zunächst nicht glauben, entstammt dieser Dirigent doch wie kaum ein anderer dem barocken Lager. Und zwar nicht mehr steigerungsfähig. Harnoncourt, der in Wien Cello studiert hatte und mit den einschlägigen Gepflogenheiten in einem Sinfonieorchester bestens vertraut war, wollte retour à la nature, zurück zu den Quellen. Zusammen mit dem Holländer Gustav Leonhardt war Harnoncourt ein Pionier des Originalklangs. Mit seiner Frau Alice und diversen Orchesterkollegen gründete er 1953 den Concentus Musicus Wien, mit dem sich die Suche danach mustergültig und intensiv realisieren ließ. So wurden, zusammen mit Leonhardt, sämtliche Bach-Kantaten eingespielt. Ob er Trendsetter, Vater oder gar Großvater des historischen oder authentischen Musizierens sei, wurde Harnoncourt einmal gefragt. Launige Antwort: Er fühle sich "als prozessierender Vater im Vaterschaftsprozess, dem die Vaterschaft zugeschoben wird, der aber nicht unbedingt alle Kinder legitimieren will".

Fakt ist: Harnoncourt tat früh das, was wir historische und dann klarer historisch informierte Aufführungspraxis nennen. Mit Fleiß, Forscherdrang und Quellenstudium danach zu fragen, wie die Musik in Barock, Klassik und späteren Epochen geklungen haben könnte. Auf dass wir ihr bei bei den Wiedergaben möglichst nahe kommen. Die Klangrede – sie hat bei Harnoncourt, dem grüblerisch-ernsten Musiker, oberste Priorität. Bei diesem Künstler, dem nicht nur Sympathie entgegenschlug. Karl Böhm verabscheute seinen Mozart, Karajan hielt ihn von den Salzburger Festspielen fern. Doch selbst Platzhirsche jener Couleur konnten den internationalen Erfolg nicht dauerhaft verhindern. So stand er wiederholt dem weltweit übertragenen Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker vor.

Wenn Harnoncourt dirigierte, was er ohne Taktstock zu tun pflegte, dann konnten die Funken stieben. Dann klang vieles tatsächlich so, als sei der Staub der Jahrhunderte, der sich auf den Partituren ansammelt hatte, mit einem Mal wie weggeblasen. Dann kam bekannte Musik oft anders daher: fettfrei, energisch, wie elektrisiert. Für Harnoncourt ist die "Kunst, die Nabelschnur, die uns mit dem Göttlichen verbindet". Sein Credo: "Musik muss die Seele aufreißen." Dafür tat er, der Träger des renommierten Ernst von Siemens Musikpreises, alles.

Bei Bach positionierte sich Harnoncourt als Antipode des romantisierenden Karl Richter und selbst in einer gewissen Distanz zum Stuttgarter Helmuth Rilling, der gleichsam eine Mittlerstellung einnimmt. Harnoncourts Interesse allerdings reichte bald weit über Bach hinaus. Manchmal war er, der 1972 mit dem Dirigieren begonnen hatte, fast unberechenbar. "In dem Augenblick, da man mich Guru nennt, bin ich meist schon ganz woanders", hatte der Sproß eines luxemburg-lothringischen Grafengeschlechtes einst dem Spiegel verkündet. Auch Verdi und Wagner hat er sich genähert, selbst dem Musical ("Porgy and Bess"). Die Zwölftontechnik jedoch hielt er als Konstrukt für "unnatürlich und verrückt", bei Arnold Schönberg konnte er erklärtermaßen den Musenkuss nicht finden.

Harnoncourt war erfüllt vom Streben, der Musik auf den Grund zu gehen, sie aus ihrer Zeit heraus zu verstehen und sie dem Hörer via Interpretation reflektiert zu vermitteln. Was heute aus unserem Musikbetrieb nicht mehr wegzudenken ist, eben die historisch informierte Aufführungspraxis: Harnoncourt hatte das Fundament gelegt. Alte Musik konnte bei ihm äußerst neu klingen. Andere haben sich nach und nach auf seine Fährte begeben. Keiner aber ist so wie er eine Institution, keiner setzt solche Maßstäbe. Mit Harnoncourt hat die weite Musikwelt hat einen ihrer ganz Großen verloren.

Erst im Dezember 2015 hatte Nikolaus Harnoncourt das Ende seiner Pultaktivitäten verkündet. Jetzt ist der Rastlose mit 86 Jahren gestorben.

Autor: Johannes Adam