Oper

Ole Anders Tandberg inszenierte Puccinis „La Bohème“ in Zürich

Heinz W. Koch

Von Heinz W. Koch

Di, 03. November 2015

Klassik

Ole Anders Tandberg ist Norweger und einer der renommiertesten skandinavischen Schauspielregisseure. Mehr und mehr verwandelte er sich in jüngerer Zeit auch die Oper an. Was er jetzt in Zürich mit Giacomo Puccinis „La Bohème“ anstellte, ist bemerkenswert.

Er gehört offenbar zu jenen, die den Ehrgeiz entwickeln, statt des ihnen aufgetragenen mindestens zwei Stücke zugleich zu inszenieren. In dem einen werkeln Puccinis vier Pariser Hungerkünstler in einem Volkshaus in Tandbergs Heimat. Dort gibt’s eine kleine Bühne auf der Bühne, und auf der soll des Literaten Rodolfo neues Drama aufgeführt werden (Bild: Erlend Birkeland). Ein wenig Paris-Traum, eine Prise Paris-Phantasie ist in Zürich immer im Spiel. Und auf der Miniaturszene da hinten steht mitten im tiefverschneiten Tannenwald auch das Bett, in dem unser Dichter mit der Nachbarin Mimi verschwindet, ehe er mit seiner neuesten Eroberung im Pariser Heiligabend-Rummel auftaucht.

Dort erlebt die handwerklich sehr gewandte Inszenierung ihren turbulent verquirlten Höhepunkt. Dabei gelingt es Tandberg im Einklang mit Puccinis Musik, die intimeren Momente aus dem Massenauflauf herauszulösen und in Sekundenschnelle für Ruhe zu sorgen. Der Clou dabei: Die Kostümbildnerin Maria Geber hat jedes einzelne Chormitglied nach einem Vorbild im wirklichen Leben ausstaffiert. Karl Lagerfelds weißes Haar mit Pferdeschwanz etwa erkennt man auf Anhieb. Ein virtuoses Springen zwischen den Erzählebenen also in Zürich – und manchmal auch ein Rätselraten über das Wer-was-wann-wo. Das alles muss man nicht so machen, aber man kann es – wenn man es kann. Und Tandberg ist ein Profi im Entwerfen und Fortspinnen von Situationen. Doch seltsam (oder auch nicht . . . ), dass das Scheitern dieses Kunst- und Lebenstraums immer am stärksten packt, wo es "Bohème" pur gibt.

Dieser Rodolfo ist ein Senkrechtstarter

Giampaolo Bisanti ist Dirigent und Italiener und in Mitteleuropa noch kein vertrauter Name. Was er bei seinem Zürcher Debüt vorweist, ist erstrangig: ein Puccini der Details, die sich zum Ganzen fügen, der Floskeln, die sich zur großen Linie verbinden. Das ist umrissscharf im Vorwärtsdrang, und es gibt sich mit viel Geschmack dem melodischen Sentiment anheim, oft bis in die wehe Zartheit, ja, Zärtlichkeit hinein. Mimis erster Auftritt ist mit größter orchestraler Finesse hingetupft, und nur selten wirkt dieser Puccini eine Spur zerdehnt. Die tragischen Zuspitzungen, die dramatischen Aufgipfelungen sind lapidar gemeißelt, die atmosphärisch-impressionistischen Augenblicke behutsam eingefangen.

Michael Fabiano ist Amerikaner und für den Senkrechtstart, den er weltweit hingelegt hat, noch sehr jung – präzise: 31 Jahre alt. Er ist ein Rodolfo wie nur ganz wenige heute: ein ganz schlanker, dabei kerniger Tenor, wahrhaft glänzend, aber auch mit einer intakten mezzavoce. Eine Ausnahmebegabung, die in den Mühen der Ebene beinahe mehr strahlt als in den vielleicht doch zu bewusst angesteuerten und bisweilen auch übersteuerten Spitzen.

Zum Segen gereicht der Aufführung die Mimi gleichermaßen. Wer die Chinesin Guanqun Yu als Liu in der Bregenzer See-"Turandot" mitbekam, wusste, worauf er sich in Zürich freuen durfte: auf einen Puccini-Sopran der schönsten, üppigsten Fülle. Und wieder fasziniert ein wundersam-unverkennbares vokales Leuchten. Aber damit war das Zürcher Stimmglück noch keineswegs am Ende. Shelley Jackson trumpft mit Musettas Walzer-Koloraturen bestechend auf, und Andrei Bondarenko ist schlichtweg ein Super-Marcello: ein in allen Lagen firmer Pracht-Bariton. Notierenswert: Erik Anstines Bass verleiht dem Coline Präsenz, und selten profiliert sich der von Puccini eher etwas benachteiligte Schaunard so bestimmt wie bei Adrian Timpou.

Weitere Aufführungen: 5., 8., 11., 15., 17., 20., 25. und 28. November sowie 1., 4. und 8. Dezember. Tel. 0041/44/2686666.