Romantik mit Steuermann

Johannes Adam

Von Johannes Adam

Di, 24. Juli 2018

Klassik

Unter Leitung seines Chefdirigenten Marcus Creed interpretierte das SWR Vokalensemble Werke von Brahms und Toshio Hosokawa in der Barockkirche in St. Peter.

Es ist diese reine Selbstverständlichkeit. Als Hörer ertappt man sich immer wieder bei dem (irrigen) Gedanken, sie für selbstverständlich zu halten. Hinter jener Wirkung aber steht vielmehr ein eminentes Können. Beim SWR Vokalensemble ist es vorhanden. Das zeigte sich jetzt bei dem erfreulich frequentierten Gastspiel, das diese Stuttgarter Chorprofis in der Barockkirche in St. Peter gaben. Unter dem anregenden Motto "Brahms-Phantasie" wechselten sich Beiträge des aus Hamburg stammenden Wahl-Wiener Romantikers mit Werken des 1955 geborenen Toshio Hosokawa ab. Was man bei dieser Gelegenheit gut lernen konnte: Abendländische Musik wie die Brahms’sche ereignet sich in der Zeit, die Tonkunst des heute wichtigsten und international bekanntesten japanischen Komponisten Hosokawa indes hat Zeit. Entschleunigung als Programm. Letzteres ist denn auch das spezifisch Fernöstliche an ihr.

"Die Japaner haben zugemacht", erklärte SWR-Chorredakteurin Dorothea Bossert bei ihrer Einführung. Und meinte damit das Jahr 1638. Die Öffnung erfolgte erst Mitte des 19. Jahrhunderts – und von da an ist die japanische Musik in erster Linie europäisch. Man spürt diesen Spagat in Hosokawas (als Schumann-Hommage konzipierter) Heine-Adaption "Die Lotosblume". Eine so stille wie ausdrucksvolle Musik, die fragil und doch robust wirkt. Die kultisch blüht und den clusterähnlichen Reibeklang impliziert. Sehr feinfühlig ist das Percussion-Element (Franz Bach) einbezogen. Am Ende Windhauch, bekannt aus dem biblischen Buch Kohelet. Bei Hosokawas "Ave Maria" wird – wie in der gleichnamigen Bruckner-Motette – im Gruß an die Gottesmutter theologisch korrekt der Sohn, eben Jesus, zum geistlichen Zentrum. Liegeklänge, Klangexpertisen. Keine Frage, Hosokawa, der unter anderem bei Klaus Huber an der Freiburger Hochschule studierte, ist ein Chor-Könner. Das Ergebnis ist eine meisterliche, angenehm hörbare Musik – vom SWR-Leuten wunderbar dargeboten.

Nicht anders war es bei den Brahms-Auslegungen. Das Vokalensemble, das 2016 eine fulminante Reger-CD vorgelegt hat (wir berichteten), präsentierte die Brahms-Werke durchweg im Rang des Ideals. Die Gesänge für Frauenchor, zwei Hörner (Magdalena Ernst sowie Yu-Hui Chung) und Harfe (Mariam Fathy) op. 17: Kreationen des damaligen Endzwanzigers und in der persönlichen Tonsprache bereits typischer Brahms. Romantik pur. Originell, wie die ungleichen Instrumente die Satzstruktur jeweils schmücken (Harfe) und grundieren (Hörner).

Bei der Brahms’schen A-cappella-Kultur bewiesen die 17 Chordamen und 15 Herren bis hin zu Pathos und Achtstimmigkeit eindrucksvoll ihre Klasse. Dass freilich selbst ein perfektionsorientiertes Spitzenensemble wie die Stuttgarter Formation nicht aus blutleeren Maschinen besteht, wurde bei der Motette "Wenn wir in höchsten Nöten sein" op. 110 Nr. 3 deutlich, als der Startklang ("Sieh nicht an unser Sünden groß") etwas arpeggiert daherkam. Kein Problem, sondern nur menschlich und sympathisch! Bei den Fest- und Gedenksprüchen op. 109 von 1888 in ihrer zyklischen Bogenform erlebte man eine äußert verbindliche Brahms-Exegese. Ein plastischer, dunkler Klang. Farbe, Intonation, Ausgewogenheit, Expressivität: So muss es sein. Engagiert und ruhig hatte Chorchef Marcus Creed sein Ensemble minuziös im Griff: gestalterisch als souveräner werkdienlicher Steuermann, nie als ein aktionistischer Ruderknecht mit Showgebaren.

Professionalität mit Herz. Zwei japanische Zugaben von Michio Mamiyas ("Composition for Chorus" Nr. 1) und Toru Takemitsu ("Wings") rundeten den Auftritt ab. Ein Chorkonzert, von dem man sich ob der Qualität fast gewünscht hätte, es würde nie zu Ende gehen. Allein schon der Selbstverständlichkeit wegen. Siehe oben!