Meisterwerk

Salzburger Festspiele: Faszinierend verstörende "Salome"

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Do, 02. August 2018 um 19:25 Uhr

Klassik

Eine unglaubliche Inszenierung, faszinierend und verstörend: Romeo Castelluccis und Franz Welser-Mösts "Salome" wird in die Geschichte der Salzburger Festspiele eingehen.

Ein schwarzer Vorhang, darauf rechts unten die Inschrift "Te saxa loquuntur". Salzburg-Kundige kennen sie, sie ist über das Ostportal des Sigmundstors gemeißelt: "Von dir sprechen die Steine" – eine Widmung an den Bauherren Sigismund Graf Schrattenbach. Aber wem wird hier gehuldigt in der Felsenreitschule, nur wenige Meter unweit dieser Tafel? Jener Figur, die hinter dem leicht transparenten Vorhang, die Schwerkraft scheinbar mühelos überwindend, diagonal die Rückwand hoch läuft, um dann aus dem Bild zu verschwinden, während die goldenen Lettern zerreißen und der gewaltige schwarze Schleier wie in Zeitlupe den Blick auf die Bühne freigibt? Und wer war sie, diese Figur. Der Prophet Jochanaan? Oder die Titelfigur Salome, zur Entstehungszeit des Stücks Inbegriff einer neuen Femme fatale?

Man sollte sich mit solchen Detailfragen nicht aufhalten bei Romeo Castelluccis Inszenierung von Richard Strauss’ "Salome" an diesem Ort. Denn erstens lenken sie ab von der Gesamtkomposition. Und zweitens führen sie nicht zum Ziel, sondern nur in semantische Sackgassen. Castellucci, der Opernregisseur der Stunde, denkt ganzheitlich, seine Symbolsprache ist Ausdruck, nicht Zweck. Das unterstreicht auch die Tatsache, dass Castellucci Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner sowie Lichtdesigner in einer Person ist. Nicht Interpret: Neuschöpfer.

Te saxa loquuntur. Gut möglich, dass die Steine des Mönchsbergs von dieser "Salome" noch lange sprechen. Castellucci hat sie vermehrt, hat die Bögen der drei Arkadenreihen ausgefüllt mit naturgetreuen Nachbildungen des Gesteinskonglomerats. Dazu als Kontrast eine goldene Spielfläche – Symbole als Urgewalten. Das gilt auch für Licht und Wasser. Bis zu dem Moment, in dem der Prophet aus der Zisterne kommt, dringt Tageslicht durch das leicht geöffnete Dach. Und dann dieser Auftritt: Wie eine alles verschluckende Mondfinsternis breitet sich ein schwarzer Schatten über die gesamte Bühnenfläche aus. Schwarz ist auch der Prophet. Castellucci formt aus drei von schwarzen Stoffen umwallten Personen eine bedrohliche Erscheinung, eine Mischung aus Schamane und Greifvogel. Im Kontrast dazu: Salome, schneeweiß, als Braut mit goldenem Krönchen. Farbgegensätze beherrschen diesen Abend, bis hin zu den Gesichtern der Nebenfiguren, die horizontal in eine rote und weiße Fläche aufgeteilt sind: Ausnahme Herodias, die Mutter der Salome – ihr Gesicht ist grün-weiß. Symbol für Bitterkeit und Unreife? Keine Detailfragen.

Natürlich weiß Castellucci, dass "Salome" die Symbolisten magisch anzog. Doch sein Umgang mit Symbolen führt tief ins Unbewusste. Der Blutfleck an Salomes weißem Kleid nach der Begegnung mit Jochanaan; ihr Eintauchen in eine milchweiße Flüssigkeit; das Abschrubben des Propheten wie eines Pferds durch Knechte mit Wasser und die schwarze Flüssigkeit, mit der er immer wieder überschüttet wird: All das zieht den Zuschauer hinein in eine Welt der unterdrückten Obsessionen und archaischen Triebhaftigkeit. Fernab aller Klischees.

Denn es kommt ganz anders. Salomes Tanz wird verweigert. Stattdessen wird die Prinzessin zur Skulptur, halbnackt, in dienender Haltung auf einem Kubus, von einem Fels, der sich von der Decke herabsenkt, sie schließlich erdrückt. Sie ist Opfer und Täterin gleichermaßen. Sie wird nicht Jochanaans Kopf serviert bekommen, sondern den eines Pferdes. Und danach – der verstörendste Moment in dieser unglaublichen Inszenierung – den Körper des Propheten: kopflos. Salome bleibt es verwehrt, den Mund des Getöteten zu küssen, ihr Trieb bleibt ungestillt.

Diese "Salome" schreibt Festspielgeschichte. Nicht zuletzt auch wegen der Protagonistin. Asmik Grigorian und Salome werden eins. Die litauische Sopranistin zeigt die verletzliche Kindfrau und das Monster, das in ihr schlummert: Männerfantasie und -opfer gleichermaßen. Stimmlich ist sie ein Idealfall für die gigantische Partie mit ihren hochdramatischen und subtilen Anforderungen; ihr beispielhaft klar fokussierter Sopran zeichnet sich durch eine faszinierende Registerbreite aus. Anna Maria Chiuri schenkt Herodias ein dunkel-laszives Mezzotimbre, John Daszak verkörpert mit seinem nervös-fiebrigen Charaktertenor einen idealen Herodes, und Julian Prégardien, der Freiburger Musikhochschulabsolvent, singt den Narraboth mit fein artikulierendem Tenor in exzellenter Deutlichkeit. Und schließlich Gábor Bretz: Dieser Jochanaan tönt wie ein Prophet, ein Bariton wie nicht von dieser Welt. Über allem die Wiener Philharmoniker und Franz Welser-Möst: Eindringlicher, rauschhafter, naturalistischer und dann wieder klangschöner kann man diese Partitur nicht interpretieren. Nicht nur die Steine werden davon reden.

Weitere Aufführungen: 9., 12., 17., 21., 27. August. Im TV: 11. Aug., 20.15 Uhr, 3sat.