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10. Mai 2016

Spezialitäten aus einer ganz anderen Zeit

Die Lautenisten Marc Lewon und Paul Nicholas Kieffer spielten in der Römervilla in Grenzach-Wyhlen Alte Musik.

  1. Marc Lewon (links) und Paul Kieffer in der Römervilla Foto: Sarah Nöltner

Filigran und virtuos waren die zarten Klänge des Lauten-Spieler-Duos Marc Lewon und Paul Nicholas Kieffer bei der Matinee in der Römervilla in Grenzach-Wyhlen. Ob die außergewöhnliche Besetzung oder die Ankündigung "Musik des 15. Jahrhunderts" die zahlreichen Besucher ins Regionalmuseum gelockt haben mag? Jedenfalls waren dreieinhalb der vier umlaufenden Emporenseiten dicht bestuhlt und voll besetzt, ebenso die weiteren Stühle direkt vor der Bühne.

Werke von Josquin Desprez, Francesco Spinacino, Oswald von Wolkenstein, Alexander Agricola und anderen Komponisten der Spätgotik und der frühen Renaissancemusik erklangen in den historischen Mauern. Außerdem Werke aus dem Lochamer-Liederbuch, der Wolfenbütteler Lautentabulatur und dem Buxheimer Orgelbuch. Da viele der Stücke nur fragmentarisch vorliegen, haben der in Wyhlen lebende Marc Lewon und der aus den USA stammende Paul Kieffer sie zum Teil selbst arrangiert, im Stil der Zeit ergänzt und improvisatorisch erweitert.

Kieffer und Lewon haben beide in Basel an der Schola Cantorum Basiliensis studiert und sind Experten für Musik aus der Zeit vor dem 16. Jahrhundert. Damals bekannte mittelhochdeutsche Lieder erklangen in der Römervilla teils als instrumentale Bearbeitung, bei manchen sang Lewon auch den Liedteil ergänzend zum Lauten- oder Quinternen-Spiel. Die Werke stammen aus einer Zeit des Umbruchs innerhalb der Lautenmusik, erklärte Lewon: Bis ins 15. Jahrhundert wurde die Laute ausschließlich mit einem Plektrum (Federkiel) gespielt, was vor allem die Entwicklung des virtuosen Melodiespiels begünstigte. Erst gegen Ende des 15. und in der Übergangszeit ins 16. Jahrhundert hinein entwickelte sich mit dem Fingerspiel der rechten Hand ein feines mehrstimmiges Spiel.

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Lewon und Kieffer wechselten eindrucksvoll zwischen Melodie und Begleitung, dabei spielten sie mit ihren Rollen, reichten Melodie und Begleitung hin und her und präsentierten sich souverän und gut aufeinander eingespielt. Deutliche rhythmische Akzente, synkopisch ineinander greifende Stimmen, schnörkelige Verzierungen, bedeutungsvolle Vorhalte und triolische Strukturen ließen vieles, was man aus späteren musikgeschichtlichen Epochen kennt, bereits erahnen. Dennoch waren der Klang der zarten Lauten, die ungewohnten Tonalitäten und die Art des Gesanges "Early Music" unerfahrenen Hörern fremd. Bei der Suche nach Orientierungspunkten und Klang-gewohntheit fühlte man sich wie bei einer Reise, bei der man unbewusst permanent Unbekanntes mit Gewohntem vergleicht, noch ergänzt um einen Zeitreise-faktor mit Entwicklungsverlaufssucher.

Fazit: Eine musikalische Spezialität, die das Potenzial hatte, die Römervilla zu füllen und das Versprechen "Virtuose Lautenmusik" absolut einlöste. Viel feine Musik und ebenso feiner Applaus – manchen schien die Spezialität zu speziell, anderen gefiel die Virtuosität und das Unkonventionelle richtig gut.

Autor: Sarah Nöltner