Klassik

Vaughan Williams, Finzi: Das Weihnachtskonzert der Camerata Vocale Freiburg hatte einen englischen Schwerpunkt

Johannes Adam

Von Johannes Adam

Mo, 17. Dezember 2018 um 20:15 Uhr

Klassik

Winfried Tolls Camerata Vocale Freiburg ist ein Spitzenchor. Beim Weihnachtskonzert erklangen jetzt Werke von Vivaldi, Bach, Vaughan Williams und Finzi. Außerdem: "Stille Nacht".

Wenn nicht jetzt, wann dann? Das könnte sich Winfried Toll gefragt haben, als es um die Wahl der Zugabe ging. Beim Weih-nachtskonzert in der Freiburger Christuskirche erklang, zum 200. Geburtstag dieses Liedes, "Stille Nacht". Und zwar in einem Arrangement des Chorleiters. Wobei es sich offenkundig um ein work in progress handelt – ist Tolls Bearbeitung mit ihren feinen, zarten Übergängen doch auf der 2001 produzierten Weihnachts-CD der Camerata in einer A-cappella-Version zu vernehmen, so kam nun noch eine sanfte Instrumentierung hinzu. Die Choristin Ina Schmidt lieh dem Unternehmen ihre höhensichere Sopran-Natürlichkeit. Berührender konnte das Konzert (dem tags zuvor ein Auftritt in der Müllheimer Martinskirche vorausgegangen war) kaum enden.

Bei einem Programm, das den Frieden auf Erden ("Et in terra pax") im Titel trug und zudem einen englischen Schwerpunkt hatte: vor allem durch zwei Werke des bei uns kaum bekannten Gerald Finzi. Dass das 1952 entstandene "Magnificat" des vier Jahre später gestorbenen Komponisten auch etwas Appellatives hat: Der Interpretation durch die Camerata war es anzumerken. Aber auch das Leise, Ruhige – bis zum entrückten Dur-Ausklang: So kann Theologie klingend wirken. Finzis Musik ist – im weitesten Sinn – spätromantisch. Immer wieder ergänzte Streicherwohllaut der von Konzertmeisterin Lisa Immer angeführten Camerata Freiburg engagiert die Choraktionen. Bei Finzis "In Terra Pax" kommt als besondere Farbe eine Harfe (Ursula Eisert) dazu. Dass in dieser "Christmas Scene" die Partie des Engels von einem Sopran (Julia Kirchner) gesungen wird: verständlich! Der (für den erkrankten Karsten Müller eingesprungene) Bariton Marián Krejcík erwies sich als Glücksfall: ein Solist mit lyrischer und sehr kultivierter Substanz, der über emphatische Reserven verfügt. Auch bei Ralph Vaughan Williams’ "Fantasia on Christmas Carols" konnte der unter anderem in Basel ausgebildete Sänger seine Qualitäten demonstrieren. Bei jener weihnachtlichen Kunstmusik, in welche das Volkslied-Genre einbezogen wird.

Szenenwechsel. Der Bach-Experte Alfred Dürr spricht von "Verstümmelung". Was ist passiert? Bach, der sich hier auf die Textdichtung Erdmann Neumeisters stützt, hat in seiner Weimarer Kantate "Nun komm, der Heiden Heiland" BWV 61 als Schlusschoral nur den zweiten Teil, also den sogenannten Abgesang, der Strophe von Philipp Nicolais "Morgenstern"-Lied adaptiert. Wie dem auch sei: Die Auslegung durch die Camerata Vocale rundete sich zu einem geschlossenen Ganzen. Toll nahm die Punktierungen des ouvertürenartigen Eröffnungssatzes nicht zu scharf. "Des sich wundert alle Welt": Es kam freudig daher. Und das historisch informiert spielende (Streich-)Orchester wusste, was zu tun ist. Den finalen Geigenjubel beim Choral aber hätte man intensivieren können. Mit Rezitativ und Arie zeigte Florian Cramer seine Tugenden als Bach-Tenor. Nachgerade höflich das Klopfen im Bass-Rezitativ. Sehr überzeugend gestaltete Julia Kirchner ihre Sopran-Arie.

Knapp ist der Text von Antonio Vivaldis Motette "Domine ad adiuvandum me festina" (Herr, eile mir zu helfen) für Sopran und Doppelchor. Überaus gefällig die Musik. Und der Chor darf glänzen. Die leistungsfähige Camerata Vocale ließ sich das nicht zweimal sagen.