Zwischen Feindeshass und Gottesliebe

Karlheinz Schiedel

Von Karlheinz Schiedel

Sa, 01. Juli 2017

Klassik

Die Internationalen Schostakowitsch-Tage in Gohrisch rückten Sofia Gubaidulina und Mieczysław Weinberg ins Zentrum.

Fünf Ur- und deutsche Erstaufführungen an einem einzigen, musikalisch hochintensiven Wochenende – nein, wir befinden uns nicht in Donaueschingen, dem (einstigen) Mekka der Liebhaber zeitgenössischer Tonkunst, sondern im kleinen Kurort Gohrisch im hintersten Winkel Sachsens. Zweimal weilte Dmitri Schostakowitsch im dortigen Gästehaus des DDR-Staatsrats. Während seines ersten Aufenthalts 1960 entstand sein tief persönliches achtes Streichquartett, das einzige Werk, das er außerhalb seines Heimatlandes schuf. Seit 2010 ist dem vielleicht nachklingendsten russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts ein Festival gewidmet, das Musikliebhaber aus aller Welt alljährlich in die pastorale Idylle der Sächsischen Schweiz lockt. Die achte Auflage rückte mit Sofia Gubaidulina und Mieczysław Weinberg zwei Komponistenkollegen in den Fokus, deren Lebenslinien sich in besonderer Weise mit der Schostakowitschs überschneiden.

Mit "In Erwartung" (1993) und "Verwandlung" (2004) standen beim Eröffnungskonzert zwei Kompositionen Sofia Gubaidulinas auf dem Programm, die eng mit dem Raschèr Saxophone Quartet verbunden sind. Die "ungekrönten Könige des Saxophons", wie sie die Wiener Zeitung einmal nannte, traten in intensiven Dialog mit dem renommierten Slagwerk Den Haag und einem Streicherensemble der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Der besondere Reiz beider Werke liegt in der Gegenüberstellung verschiedenartigster Verfahren der Klangerzeugung, wobei auch die Extreme musikalischer Dynamik exponiert werden. In "Verwandlung" kommen Elemente einer musiktheatralischen Handlung hinzu, wenn urplötzlich ein im Clownskostüm gewandeter Posaunist die Szenerie betritt (großartig der Soloposaunist des SWR-Symphonieorchesters, Frederic Belli). Ob man hierin die Verkörperung des typisch russischen Gottesnarren erkennt oder eher an das clowneske Agieren aktueller Politgrößen denkt, mag jeder Zuhörer für sich selbst entscheiden.

Komplizierter verhält sich die Sache mit der Deutungshoheit bei zwei neuen Werken der Grande Dame der russischen Gegenwartsmusik, die in Gohrisch uraufgeführt wurden: "Einfaches Gebet" und "Die Pilger". Hier ist die inhaltliche Ausrichtung bereits im Titel festgeschrieben; sie spiegelt die tiefe Religiosität der Komponistin wider. In "Einfaches Gebet", der kammermusikalischen Essenz ihres Opus Summum, einem großangelegten Oratorium, an dem die Capell-Compositrice der Staatskapelle gegenwärtig arbeitet, kommt ihre Empörung über die um sich greifende Brutalität der Menschen hinzu.

Dass Gubaidulinas Musik gewordener Protestschrei vom Publikum jedoch eher ambivalent aufgenommen wurde, dürfte vor allem der Textauswahl geschuldet sein. Das einst Franz von Assisi zugeschriebene, Experten zufolge aber erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Nordfrankreich entstandene "Friedensgebet" schwankt beständig zwischen Feindeshass und Gottesliebe. Einige Gebetszeilen irritieren durch ihre Nähe zu religiösen Extremismen. Irritationen, die Festivalleiter Tobias Niederschlag im Gespräch mit der Komponistin nicht aufzulösen vermochte.

Im Rahmen des Konzerts wurde Gubaidulina der Schostakowitsch-Preis Gohrisch verliehen. In ihrer Dankesrede bekannte sie, dass sie von Kindheit an die Musik Schostakowitschs im Herzen trage. Dieser habe sie gelehrt, sie selbst zu sein. Als Vorsitzender des Komponistenverbandes hatte Schostakowitsch die junge Kollegin gegen die Anwürfe der sowjetischen Kulturbürokratie in Schutz genommen und ihr geraten, ihren eigenen "falschen" Weg fortzusetzen.

Existenziell war die Intervention Schostakowitschs für den im Zweiten Weltkrieg vor den anrückenden Deutschen in die Sowjetunion geflohenen polnisch-jüdischen Komponisten Mieczysław Weinberg. Als Weinberg auf dem Höhepunkt einer Welle des sowjetrussischen Antisemitismus Anfang 1953 verhaftet wurde, setzte sich Schostakowitsch persönlich beim berüchtigten Geheimdienstchef Beria für seine Freilassung ein, ja bot sich sogar im Austausch für ihn an. Beide Komponisten verband zeitlebens eine tiefe Freundschaft.

Spätestens seit der szenischen Uraufführung der Oper "Die Passagierin" 2010 in Bregenz ist vor allem im Westen das Interesse am Werk Weinbergs gestiegen. Anteil daran hat auch das Gohrische Festival, bei dem bereits in den Vorjahren einige Werke erklangen, sowie namhafte Solisten wie die Violinisten Linus Roth und Dmitry Sitkovetsky, der Cellist Emil Rovner oder die Pianistin Elisaveta Blumina, die sich der Musik Weinbergs verpflichtet fühlen. Gemeinsam mit dem Pianisten Florian Uhlig und Musikern der Staatskapelle brachten sie in Gohrisch höchst reizvolle kammermusikalische Werke Weinbergs zu Gehör, darunter zwei Uraufführungen.

Doch zurück zum Namensgeber des Festivals. Dieses hatte am Vorabend mit einem denkwürdigen Konzert der Staatskapelle in der Semperoper begonnen. Auf dem Programm standen die Sinfonien Nr. 1 und Nr. 15 des großen Russen. Am Pult der 86-jährige Grandseigneur der russischen Dirigentengilde Gennady Rozhdestvensky, den das Publikum mit minutenlangen Standing Ovations feierte. Seine Ehefrau Viktoria Postnikova brillierte als Solistin im ersten Klavierkonzert, ehe tags darauf der hochdekorierte Pianist Alexander Melnikov – der wie alle Musiker ohne Gage in der Konzertscheune auftrat – die 24 Präludien und Fugen op. 87 zelebrierte, Schostakowitschs tiefe Verbeugung vor dem Genie Johann Sebastian Bach. Ein schweißtreibender Bravourakt. Grandios!

Das Abschlusskonzert hielt noch ein Schmankerl für alle Freunde der Musik Dmitri Schostakowitschs parat: die Uraufführung dreier erst vor zwei Jahren in einem Moskauer Archiv aufgefundener Fragmente aus der 1927/28 entstandenen Oper "Die Nase", die seinerzeit vom Komponisten nicht in die endgültige Fassung aufgenommen worden waren – eine frech-ironische, bisweilen sogar schrill-bizarre Musik, die die Staatskapelle unter der Stabführung von Thomas Sanderling aus der Taufe hob – und die von vielen Zuhörern als angenehmer Kontrast zum heiligen Ernst manches zuvor Gehörten empfunden wurde.