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26. November 2011
Federleicht, engelsgleich
Albert-Sonderkonzert mit Thomas Hengelbrock.
Draußen vor den Türen ein Gedränge, als sei die Institution Konzert gerade erst neu erfunden worden. Innen ein ungewohnter Anblick: Stoffbahnen hängen von den Seitenemporen herunter, vorn in der Vierung über der Altarinsel ist ein geräumiges, den Zelebrationsaltar einschließendes, nach hinten und zur Seite von Plexiglaswänden umgebenes Podest. Thomas Hengelbrock, sein Balthasar-Neumann-Chor und -Orchester sowie die Freiburger Albert-Konzerte arbeiteten bei diesem Sonderprojekt zusammen und erprobten die Pfarrkirche St. Johann als Konzertort – jene große Wiehre-Kirche, deren Akustik bislang gerade für Oratorisches ja als ausgesprochen problematisch galt.
Auf dem Programm stand Barockes. Auffallend, wie der Chor beim "Kyrie" die Linie betonte und die Streicher markige Akzente setzten. Und wie Chor und das hier noch etwas dominante Orchester beim "glorificamus te", als das Gotteslob fast kein Ende nehmen will, auf dem Posten sind! Hengelbrock exponiert die vom Komponisten ins "Gloria" einbezogene Choralintonation deutlich hörbar wie ein Cantus-firmus-Motto. Welche Dimensionen sie angenommen hätte, wäre diese "Missa Dei Filii" des böhmischen Bach-Zeitgenossen Jan Dismas Zelenka komplettiert worden! Schönste Ergebnisse gab es dann auch bei Bachs "Magnificat" in der Es-Dur-Fassung mit den weihnachtlichen Einlagesätzen. Federleicht, engelsgleich, als komme sie wirklich aus überirdischen Gefilden, ließ der Chorsopran die bekannte Liedmelodie bei "Vom Himmel hoch" mystisch herniederschweben.
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Dann der spannende Moment, nachdem der Tenor (Hermann Oswald) mit Furor von der Absetzung der Mächtigen berichtet hat. Alt (Marion Eckstein) und zwei Blockflöten treten auf den Plan. Sensationell das Ergebnis: Es klingt tatsächlich so fein, so warm und intim wie Kammermusik. Ernsthaft zu überlegen wäre freilich, ob man die dem Chor entnommenen tüchtigen Solisten, um Klangverlusten vorzubeugen, nicht doch direkt vorn an der Rampe platzieren sollte – was indes Fußmärsche und damit Unruhe zur Folge hätte. Ob bei Zelenka oder Bach: Immer sind Chor und Orchester, gerade beim Wechsel der Ausdrucks- und Tempoebenen, hellwach in Aktion. Jener Chor, der alles kann und jede polyphone Herausforderung (Finalfuge "Cum sancto spiritu" bei Zelenka!) mühelos meistert. Jenes Orchester, das bis hin zu dem Trompeten im "Magnificat" mit Könnern besetzt ist. Dazu ein Dirigent, der die Musik so tiefgründig, so taufrisch und hoch motiviert ausdeutet, als ginge es um sein Leben.
Das heikle Experiment mit den akustischen Nachbesserungen in St. Johann ist vollends geglückt. Es gibt keine Klangverluste mehr. Und das optische Resultat ist akzeptabel. Zum Schluss durften Eleven des Markgräfler Gymnasiums Müllheim mit ihrem Musiklehrer Rolf Mandel im Chor mitwirken. Als Zugaben erklangen ein polnisches Weihnachtslied und das adventliche "Es kommt ein Schiff, geladen", Letzteres in einem die Varietas kultivierenden, mustergültig dargebotenen spätromantischen A-cappella-Satz von Max Reger. Reger und St. Johann: Die Entstehungszeiten von Musik und Kirche sind da fast identisch.
Autor: Johannes Adam
