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20. Juli 2012

Feuer in den Fingerspitzen

Bernd Glemser beim Freiburger Pianofest.

Sehr. Mit diesem Adverb verstärkt Robert Schumann gleich sechs Satzbezeichnungen seiner acht Fantasien, die unter dem Titel Kreisleriana – inspiriert von E.T.A. Hoffmanns Figur des Kapellmeisters Johannes Kreisler – zu einer zentralen Ausdrucksform von Schumanns Romantik wurden. Diese Form höchster Expressivität, Verausgabung und Polarisierung kommt sicher dem Wesen Bernd Glemsers entgegen. Der Vitaly-Margulis-Schüler, der einmal mehr den Kaisersaal beim Pianofest der Internationalen Klavierakademie Freiburg restlos zu füllen weiß, scheint bei dieser Musik von geradezu prometheischem Geist beseelt, und man fühlt mit dem Hoffmann-Schumann’schen Kreisler alias Glemser, wenn dieser schreibt: "Die Noten wurden lebendig und flimmerten und hüpften um mich her – elektrisches Feuer fuhr durch die Fingerspitzen in die Tasten."

Aber das ereignet sich nicht jenseits der Reflexion, im Gegenteil. Glemser gehört zu den wenigen Pianisten, die mit der schwierigen Akustik des Kaisersaals umzugehen wissen, Publikum und Raum nicht zudröhnen und allen widrigen Nebengeräuschen von draußen zum Trotz für höchste Konzentration und Transparenz sorgen. Fantastisch, wie der Künstler selbst komplexeste Kontrapunkte klar und offen legt, hinreißend seine Stakkati, gerade die linke Hand leistet beim Herausarbeiten der Basslinie Außergewöhnliches. Und selbst dort, wo er die pianistische Pranke zeigt, hinterlässt Glemser kein akustisches Trümmerfeld. Das gilt auch für Liszts h-Moll-Sonate, die er, wie schon vor zwei Jahren, in seinem Pianofest-Programm hat. Auffällig der Beginn: Die sieben Takte der Lento-assai-Einleitung erklingen eine Spur introvertierter als gewohnt. Und mit dem Allegro energico beginnt Glemser sogar fast moderat, was freilich die Pegel später umso heftiger ausschlagen lässt. Trotzdem ist auch hier der virtuose Gestus nicht Selbstzweck.

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So wie auch bei Beethovens Spätwerk, der Sonate op. 109. Deren Prestissimo im Mittelsatz wirkt in seinem gespenstischen Vorüberhuschen, seiner grotesk-abstrakten Polyphonik bei Glemser wie ein Verweis auf den nachfolgenden Kapellmeister Kreisler. Fantastisch auch, wie der Interpret durch Herausarbeiten der Kontraste die innere Logik des Variationssatzes offenlegt. Frenetischer Jubel – und als Zugabe nach Skrjabin das Presto aus Mendelssohns op. 67. Alles wie bei Kreisler – alles sehr …

Autor: Alexander Dick