KRITIK IN KÜRZE

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

Mo, 26. November 2012

Klassik

Es sind nur Vokalisen, keine Worte, die Edita Gruberova bei ihrem ersten Auftritt formt und färbt. Aber man weiß schon nach wenigen Takten, warum Graf Arturo dieser geheimnisvollen Fremden verfällt. Die konzertante Aufführung von Bellinis "La Straniera" im Festspielhaus Baden-Baden begeistert. Die slowakische Koloratursopranistin strahlt auch im fünften Jahrzehnt ihrer Bühnenkarriere wie ein Fixstern am Opernfirmament. Ihre Stimme klingt gerade in der Höhe ein wenig metallener als früher. Dort, in den eisigen Regionen ihrer Spitzentöne kann Gruberova noch zulegen, ohne an Qualität zu verlieren. Spektakuläre Koloraturen gibt es verhältnismäßig wenig in der Titelpartie – dafür atemberaubende Sprünge, große Linien und kleinste Differenzierungen.
Mit Pietro Rizzo steht ein sensibler Dirigent am Pult des SWR-Sinfonieorchesters, dessen große Erfahrung mit dem Belcantorepertoire zu spüren ist. Er gestattet nicht nur Edita Gruberova alle agogischen Freiheiten, sondern gibt auch den anderen erstklassigen Solisten (u.a. José Bros, Luca Grassi, Laura Polverelli) Raum zur Entfaltung. Traumwandlerisch sicher bewegt er das SWR-Sinfonieorchester durch die Klippen und Untiefen der Partitur. Besonders die federnden Streicher und das präzise, aber nie brutale Schlagzeug (Becken!) verleihen dieser "Straniera" Eleganz und Charme.