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15. September 2012

Kurzschlüsse im Experimentierbecken

Armin Petras inszeniert seinen Opernerstling, Leos Janáceks "Katja Kabanowa", zum Saisonstart am Theater Basel als unbürgerliches Trauerspiel.

  1. Unter Laborbedingungen: Finale des ersten Akts von „Katja Kabanowa“ Foto: Hans Jörg Michel

Die Dame im distinguierten Outfit der routinierten Operngängerin zur Rechten des Kritikers gibt immer mal wieder Gluckser von sich. Es könnte sich dabei durchaus um Lacher handeln. Und es könnte sein, dass sie damit Armin Petras und seine szenische Auseinandersetzung mit Leos Janáceks Operndrama "Katja Kabanowa" besser verstanden hat als die vielen, die der Saisonstart am Theater Basel eher etwas ratlos zurückgelassen hat. Denn womöglich obsiegt die Ironie bei diesem Opernregiedebüt des designierten Stuttgarter Schauspieldirektors den ganzen anderen Ballast an Interpretationsebenen. Aber nur womöglich. So sicher war sich die Dame da wohl auch nicht. Wie auch der Kritiker.

Ironie – ausgerechnet bei einem der großen tragischen Opernsujets des 20. Jahrhunderts? Das mag einen vor den Kopf stoßen. Soll es vermutlich auch. Der mährische Komponist hat mit seiner Bearbeitung von Ostrowskis Drama "Das Gewitter" um bürgerliche Heuchelei eine subtile, vielschichtige Klage entworfen, die nicht zuletzt durch die Intimität ihrer Musik lebt. Intim ist in dieser Inszenierung jedoch wenig. Petras und seine Bühnenbildnerin Kathrin Frosch greifen die durch den Fluss Wolga im Drama vorgegebene Wassermetapher ganz real auf und setzen die Bühne Zentimeter hoch unter Wasser. In ihrem Zentrum: eine Art unfertiger Plattenbau, Wohnhaus und Produktionsstandort gleichermaßen.

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Was im Laboratorium Kabanichas (Kostüme: Patricia Talacko), der herrischen Schwiegermutter der Titelheldin, geschieht, kann man nur mutmaßen. Die Regie behauptet, es handle sich um Erdbebentests… Tatsächlich gerät dort vieles außer Kontrolle: Das Wasser in einem großen Plexiglastank wird zusehends verschmutzt, und wenn sich das große Gewitter musikalisch ereignet, fährt die Regie ein kleines Feuerwerk an pyrotechnischen Spielereien ab – Kurzschlüsse im Experimentierbecken.

Man kann derlei Interpretationsfinten im Sinne aktuellen Regietheaters verstehen und liegt da sicher nicht verkehrt. Man kann aber auch in Petras’ heterogener Szene, in seiner Zitatensammlung ästhetischer Postulate des Gegenwartstheaters parodistische Ansätze erkennen. Hier führt sich eine Zunft selbst vor, freilich mit unklarer Intention. Denn sie führt natürlich auch das Stück vor. Von Ausnahmen wie den durch eine Videoprojektion dicht erzählten Kindheitserinnerungen Katjas im ersten Akt abgesehen, wirkt die Szene der Musik häufig entfremdet – von seltsam bis radikal.

Hinzu kommt, dass Petras sich mit seinen Einfällen oft selbst torpediert. Die an sich vielversprechende Aufspaltung der Figur des Tichon, der als stummes Alter ego die Nähe zu Katja sucht, die er als ihr realer Ehemann nun gar nicht findet, verliert sich in grotesken Wasserplanschspielen.Unter seinem Pseudonym Fritz Kater hat Petras als Dramatiker immer wieder das Motiv der Fremde aufgegriffen. Das muss ihn von Anfang an Janáceks Oper um eine Frau, die kleinbürgerlichen Zwängen ihrer Umgebung unterliegt und ihre Liebe zu einem anderen als ihrem Ehemann nicht wahrhaben will, fasziniert haben. Fremdheit, Selbstentfremdung: Man kann diese Motive im Planschbecken von Petras’ Ideen immer wieder orten, aber sie flutschen davon, entgleiten in Richtung einer unbestimmt komischen Wahrnehmung.

Ganz unberührt davon bleibt die musikalische Interpretation nicht. Das Sinfonieorchester Basel findet unter Enrico Delamboye zu keiner durchgehend konzentrierten Leistung. Da schleichen sich trotz aller Vitalität im Detail manche Ungenauigkeiten ein; die lyrischen Bögen indes gelingen Dirigent und Orchester im Verlauf des Abends immer besser – Janáceks unvergleichliche Sehnsuchtsemphase blüht auf an diesem Abend. Und in diese passt die Titelheldin perfekt hinein. Mary Mills’ samten lyrischer Sopran entfaltet sich am besten in den kantablen Passagen und da ungemein dicht; mit der Prosodie des Tschechischen, den komplizierten rhythmischen und intonatorischen Eigenheiten, kommt sie bestens zurecht. Das gilt auch für Solenn’ Lavanant-Linke, die Katjas Schwägerin Warwawa eine überzeugend jugendlich-unbeschwerte Note verleiht, hell und klar im Duktus. Dagmar Pecková, einst eine wunderbare Warwara, bleibt als Kabanicha eher blass – ein Fachwechsel, der (noch) nicht funktioniert. Tomás Cernýs Tichon und Ludovit Ludhas Boris agieren als ebenbürtige Tenöre, letzterer mit etwas dunklerem Timbre, und auch Norman Reinhardts Wanja geht in seinem jugendlich-leuchtenden Kolorit voll in Ordnung. Die klangmalerischen Passagen füllt der von Henryk Polus einstudierte Chor mit großer Überzeugungskraft aus.

Für all das gibt’s großen, wenn auch eher aphoristisch kurzen Beifall, verbunden mit ein paar Buhs und Bravos für die Regie. Vielleicht wird Fritz Kater irgendwann erklären, was Armin Petras mit diesem (un)bürgerlichen Trauerspiel wirklich bezweckte.
– Nächste Aufführungen am 15., 21., 24., 30. September u. 2., 4., 6., 14., 21. Oktober. Tel. 0041/61/2951133.

Autor: Alexander Dick