Stimmliche Sternminuten

mwb

Von mwb

Di, 06. Dezember 2011

Klassik

Solisten, Motettenchor und "L’ arpa festante" führten Bachs Weihnachtsoratorium in Lörrach auf.

Das wohl traditionsreichste deutsche Barockorchester, Münchens "L’arpa festante", gab in der katholischen Kirche St. Peter dem Lörracher Motettenchor und seinen Solisten ein durchgestaltetes, überaus homogenes instrumentales Fundament für ein festlich erstrahlendes Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach im interpretatorischen Feinschliff historisch informierter Aufführungspraxis. Jedes Motiv bekam seine klare Kontur, jede Phrase ihren organischen Spannungsbogen.

Dazu traten solistische Leistungen von stupender Brillanz und berückender Schönheit. Etwa das Trompetentrio, das makellos auf seinen zum Teil ventillosen barocken Nachbauten für die Klangkrone in den festlichen Chornummern sorgte. Oder die nuancenreich agierende Solovioline in der Alt-Arie des abschließenden dritten Teils. Sehr einfühlsam und metrisch wie klanglich perfekt aufeinander eingespielt gaben die beiden Oboen im Duett des dritten Teils Alt- und Bass-Solo ihr instrumentales Geleit.

Dieses hohe interpretatorische Niveau setzte sich in den Beiträgen des Chores fort. Chornummern wie das eröffnende "Jauchzet, frohlocket" oder das den dritten Teil rahmende "Herrscher des Himmels" präsentierte der Motettenchor überaus transparent, klar in der Diktion, traumhaft sicher in der Intonation. Trotz oratorischer Chorstärke von mehr als 70 Sängerinnen und Sängern hörte man hier Kammerchorqualitäten. Allein die klangliche Balance mit der barock dimensionierten "L’harpa festante" war in diesen konzertanten Chorsätzen streckenweise gefährdet. Da sah man den Artikulationswillen des Orchesters mehr als man ihn hörend wahrnehmen konnte. Sprechend auch und mit einem warmen inneren Leuchten widmete sich der Chor den scheinbar schlichten Kantionalsätzen der von Bach eingestreuten Choräle und formte sie zu Ruhepunkten der musikalischen Innenschau.

Renommierte Solisten hatte Stephan Böllhof für diese Produktion gewonnen. In der bei Bachs Oratorien so gern gehörten Anmutung des tenoralen Herolds gab Hans Jörg Mammel den Evangelisten und überzeugte mit strahlendem Klang und makelloser Diktion. Bassist Benno Schöning war dem gegenüber stimmlich weniger präsent und wirkte in der Ausgestaltung der Arien nicht immer überzeugend. Wenig Gelegenheit zu interpretatorischen Höhenflügen bietet Bach der Sopranistin in den Teilen I bis III. Susanna Martin sang sich mit ihrer stets kontrollierten, schlanken Stimmen dennoch in die Herzen des Publikums. Der Glanzpunkt des Abends, gestalterisch wie stimmlich war jedoch die Altistin Heike Werner. Wie sie in ihrer Arie "Schlafe mein Liebster" sinnbildlich dem neu geborenen Kind in der Krippe zusang, ließ keinen in der gut besetzten Kirche ungerührt. Ganz in sich gekehrt fügte sie ihre warme, volumenreiche Altstimme in den Instrumentalsatz, ging mutig heran an die Grenze des Verklingens und setzte auf diese introvertierte Grundstimmung immer wieder melodische Glanzlichter von ergreifender vokaler Schönheit. An diese interpretatorischen Sternminuten konnte sie mit ihrer Arie "Schließe, mein Herz" im dritten Teil nahtlos anknüpfen. Dort trat sie mit der Solovioline in einen intimen Dialog und formte diese Arie zu einem abgeklärten Kommentar der glaubenden Seele von großer innerer Leuchtkraft.

Dem Burghof-Format "Stimmen im Advent- Gesänge und Geschichten" folgend wurde die Musik angereichert durch die von Christian Heller sehr lebendig und ansprechend vorgetragene "Legende vom vierten König". Meinem Empfinden nach wäre hier weniger mehr gewesen. Es gibt kraftvolle, prägnante Texte aus dem christlichen Traditionsstrom, die mehr als dieses moderne Weihnachtsmärchen auf der Höhe des Bachschen Oratoriums gewesen wären.

Dass erst jetzt und abschließend die Leistung des Dirigenten in den Blick kommt, hat unmittelbar mit dem offenkundigen Selbstverständnis von Stephan Böllhoff zu tun. Unauffällig lenkte er alle Beteiligten mit diskreten Gesten souverän durch die Takt- und Stimmungswechsel der Bachschen Partitur. Offenkundig konnte er sich dabei auf die Professionalität der Mitwirkenden und eine gute Probenarbeit verlassen. Ohne sich als Maestro inszenieren zu müssen blieb er der ruhende Pol, das interpretatorische Kraftzentrum dieser rundum gelungenen Aufführung. Wohltuend, wenn einer sich so zurücknehmen kann, um dem Werk zu dienen.