Tiefer Ernst und große Ausdruckskraft

ros

Von ros

Di, 16. November 2010

Klassik

Motettenchor Lörrach führt mit dem Bariton Hanno Müller-Brachmann Brahms’ Requiem und Dvoraks Biblische Lieder auf.

Trauer und Trost, die Unerbittlichkeit des Todes und die Hoffnung auf Ewigkeit: Um diese existenziellen Themen der Vergänglichkeit kreisen das Deutsche Requiem von Brahms und die Biblischen Lieder von Dvorák. Da war es eine stimmige Programmkonzeption beim Konzert des Motettenchors Lörrach unter Leitung von Stephan Böllhoff in der Lörracher Kirche St. Peter, beide Werke zu verbinden. Zumal man mit dem Bariton Hanno Müller-Brachmann einen international renommierten Solisten aufbieten konnte.

In den zehn Biblischen Liedern von Dvorák, die in der selten zu hörenden Fassung mit Orchester erklangen, bewies Müller-Brachmann seine herausragenden Tugenden als Liedgestalter. Er erfüllte diese "Gebete" mit angemessen schlichtem Ausdrucksernst, großer Eindringlichkeit und Tiefe der Empfindung. Die dunkle Stimmfarbe, das sonore Timbre, der volle, voluminöse und geschmeidige Klang seines Baritons passten ideal zu diesen Gesängen, die von Todesgrauen, von Schatten des Todes, aber auch der unerschütterlichen Zuversicht des Glaubens sprechen. Müller-Brachmanns Interpretation dieser Lieder überzeugte durch vorbildliche Textverständlichkeit und Wortdeutlichkeit und gebotene Innerlichkeit des Ausdrucks. Besonders bewegend sang er das drängende "Gott erhör’ mein inniges Fleh’n" und das "Gott ist mein Hirte", dem er eine tröstlich-balsamische Wärme mitgab. Im Schlussstück "Singet ein neues Lied" wendet sich das Düster-Klagende ins Freudige, Hoffnungsvolle, was sich auch im leichten tänzerischen Rhythmus des Orchesterklangs spiegelt. Überhaupt gewannen diese Biblischen Lieder durch die Orchesterbegleitung noch an instrumentaler Dichte und Wirkung.

Ebensolche ergreifende Wirkung hatte die Aufführung des Brahms-Requiems, in dem der Chor eine zentrale Rolle hat. Stephan Böllhoff gelang mit seinem bestens instruierten Motettenchor und dem ebenso engagiert spielenden Orchester eine von innerer Spannung getragene Aufführung, die der großen dynamischen Spannweite zwischen schwermütiger Düsterkeit, mystischer Todesklage und erlösendem Trost und der zutiefst menschlichen Botschaft des Requiems gleichermaßen gerecht wurde. Der Chor ist hier sehr stark beteiligt und gefordert, und die Sänger wussten mit beeindruckend flexiblem Chorklang die biblischen Texte sehr bildhaft auszudeuten. Ruhig, sanft und leise war der Chorgesang im einleitenden "Selig sind, die da Leid tragen", das etwas Feierlich-Erhebendes hat. Mit aller Eindringlichkeit im Chor- und Orchesterklang ließ Böllhoff die zentrale Stelle "Denn alles Fleisch, es ist wie Gras" auf die Zuhörer einwirken. Mit unerbittlicher Macht bricht im anschwellenden Fortissimo in den Chorstimmen und im Orchesterspiel der Gedanke der Vergänglichkeit durch. Wie Böllhoff und seine Sänger und Musiker dieses Crescendo bewältigten, von den fahlen Farben, dem Trauermarschartigen, den zarten Stimmen bis zum gewaltigen Fortissimo und dem leisen Abklingen – das war dynamisch großartig dargestellt. Packende Dramatik schuf Böllhoff mit seinen Ausführenden auch an der Stelle "Denn es wird die Posaune schallen" und "Tod, wo ist dein Stachel! Hölle, wo ist dein Sieg!", in der die Chor- und Orchesterstimmen mit aller Macht die düstere Trauerstimmung aufbrechen.

Dramatisches Gewicht und großen Ernst und Würde verlieh Solist Hanno Müller-Brachmann den erschütternden Worten in seinem Solo "Herr, lehre doch mich". Mit wohltönend-fester Stimme und berührender Intensität gestaltete er dieses Solo als schmerzliche Reflexion über die Endlichkeit des Lebens. Auch sein imposantes Solo "Siehe, ich sage euch" hat kraftvolle baritonale Festigkeit. Dem gegenüber steht der liebliche Sopran von Susanna Martin in dem tröstlich-lyrischen Solo "Ihr habt nun Traurigkeit", das die Solistin in gleichsam schwebend entrückter Stimmung sang. Der Motettenchor zeigte seine stimmlichen Qualitäten in den zarteren, pastoralen Partien in fließendem, schlichtem Chorgesang ebenso wie in den schwierigen Chorfugen und bewegten Sätzen. Nach dem trostvollen Schlussgesang "Selig sind die Toten" gab es in der voll besetzten Kirche einen Moment der Stille, dann langen, starken Beifall.