Neujahrskonzert wien

KLASSIK: Weihestunde mit Walzern

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Sa, 12. Januar 2019

Klassik

Den Vater bezeichnet er als "Dämon des musikalischen Volksgeistes" – den Sohn als "musikalischsten Schädel des Jahrhunderts": Richard Wagner war den beiden Johann Sträußen zugetan; der musikalische Sachwalter seines Werks bei den Bayreuther Festspielen, Christian Thielemann, hat seinen Faible für die sogenannte leichte Muse auch wiederholt kundgetan. Beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker bislang noch nicht. Nun also die Weihestunde am 1. Jänner (so viel Wien muss sein) im Großen Saal des Wiener Musikvereins. Der Begriff ist gar nicht so krumm gewählt, denn der deutsche Romantiker Thielemann unterstreicht in seinen Interpretationen, das, was ihm besonders wert erscheint bei den Sträußen aus Wien: die Vorspiele der Walzer. Nicht selten sind das kleine romantische Tonmalereien, zumal beim melancholisch veranlagten Bruder des Walzerkönigs Johann: Gleich zwei von Josef Strauß’ Walzern sinfonischen Zuschnitts kredenzt der Gast aus Berlin bzw. Dresden: "Transactionen" und "Sphärenklänge" – bei beiden ist der Dreivierteltakt eigentlich nur noch Zutat. Ähnliches gilt für die "Nordseebilder"-Walzertondichtung des Bruders Johann, deren dramatische Wellen klar über jene der Donau schwappen. Man kann darüber streiten, was das "Ur-Wienerische" an der Musik der von Strauß & Co. ist – für Thielemann ist das sekundär. Bei den kleinen Tanz-Aperçus verlässt er sich ganz auf Geist und Temperament des Orchesters mit der ungeschriebenen Lizenz für Straußiana. Höhepunkte sind neben den Walzer die Ungarismen – die mit Liszt’scher Verve musizierte "Zigeunerbaron"-Ouvertüre und der Csárdás aus Strauß’ einziger Oper "Ritter Pásmán". Fazit: Wien bleibt Wien – Thielemann bleibt Thielemann.

Neujahrskonzert 2019 (Sony Classical)