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18. Juni 2011

Wer profitiert wirklich vom Euro?

BZ-GASTBEITRAG: Lüder Gerken glaubt, dass Deutschland nicht den größten Nutzen von der europäischen Währung hat.

Am 10. Juni waren Bundestagsabgeordnete von CDU/CSU und FDP kurz davor, der eigenen Regierung die Gefolgschaft für neue Griechenland-Kredite zu verweigern. Finanzminister Schäuble appellierte daher im Bundestag: "Es gehen über 60 Prozent aller Exporte Deutschlands in andere europäische Länder." Daher habe Deutschland "den größten Vorteil" vom Euro. Ganz ähnlich hatte Kanzlerin Merkel am 24. März unter Hinweis auf deutsche Exporterfolge gesagt: "Deutschland profitiert vom Euro wie kaum ein anderes Land." Beide irren gewaltig. Dass dank Euro Wechselkursrisiko und Geldumtausch entfallen sind, ist ein großer Vorteil, doch der ist für alle Euro-Länder gleich.

Die von der Politik gepriesenen Exportüberschüsse aber sind nicht Segen, sondern Fluch. Sie rühren daher, dass die deutschen Unternehmen – dank Lohnzurückhaltung der Gewerkschaften – gegenüber der südeuropäischen Konkurrenz immer wettbewerbsfähiger wurden und dass dies in der Euro-Zone nicht mehr über Wechselkurse ausgeglichen werden kann. Intuitiv denkt man: je höher die Exportüberschüsse, desto höher die Einnahmen, desto höher der Wohlstand. Das ist falsch. Denn das Spiegelbild der deutschen Exportüberschüsse sind die Importüberschüsse der Volkswirtschaften Südeuropas. Für die gilt: Wer unentwegt mehr (für Importe) ausgibt, als er (durch Exporte) einnimmt, hat ein Problem.

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Um ihre jährlichen Importüberschüsse bezahlen zu können, nahmen die südeuropäischen Volkswirtschaften Kredite im Ausland auf. Zwar bei den Banken und Kapitalanlegern jener Länder, in denen aufgrund der Exporteinnahmen Geld vorhanden war – insbesondere Deutschland. Die hohen deutschen Exportüberschüsse waren also nur möglich, weil wir den südeuropäischen Volkswirtschaften Geld liehen, mit dem diese ihre Importe finanzierten.

Getilgt wurde nie. Fällige Kredite wurden einfach durch neue ersetzt. Hinzu kamen zusätzliche Kredite, um auch noch die Importüberschüsse des laufenden Jahres auf Pump zu finanzieren. Ein gigantisches Schneeballsystem entstand. Kein Kapitalgeber fragte, ob die südeuropäischen Volkswirtschaften die jährlich steigende Kreditlast je abtragen können. In der Finanzkrise erkannte man plötzlich, dass sie es nicht können. Denn dafür müssten sie derart wettbewerbsfähig werden, dass sie Exportüberschüsse erzielen, Deutschland also zum Importüberschussland wird. Das ist kaum vorstellbar. Der Kreditstrom aus dem Ausland brach zusammen.

Zuerst erwischte es Griechenland. Um den Bankrott zu verhindern, wurden die versiegenden privaten Kreditströme durch staatliche ersetzt: Die Euro-Staaten – allen voran Deutschland – sagten Griechenland 110 Milliarden Euro zu. Gleichzeitig verschuldeten sich die südeuropäischen Notenbanken in gigantischer Höhe. Allein bei der Deutschen Bundesbank stehen sie mit etwa 350 Milliarden Euro in der Kreide.

Für Griechenland reicht nicht einmal all das. Im Gespräch sind weitere 100 Milliarden Euro Kredit. Auch die werden nicht reichen. Und zurückzahlen wird man diese Kredite schon gar nicht können; dafür fehlt die Wettbewerbsfähigkeit. Kein Wunder, dass es viele Bundestagsabgeordnete graust. Wer profitierte nun am meisten vom Euro? Zum einen die südeuropäischen Volkswirtschaften, die jahrelang auf Pump über ihre Verhältnisse leben konnten. Zum anderen die deutschen Exportunternehmen und Banken, die jahrelang hohe Gewinne einstrichen. Keinesfalls aber "Deutschland", wie unsere Politiker unermüdlich behaupten.

Denn erstens fehlte das ins Ausland verliehene Kapital in Deutschland für Investitionen. Aus Investitionen resultiert Wachstum, aus Wachstum materieller Wohlstand. Während die Investitionsquote Deutschlands vor Einführung des Euros noch über dem europäischen Durchschnitt lag, brach sie danach ein. Von 2002 bis 2009 wurde in Deutschland nicht einmal halb so viel investiert wie in den anderen Euro-Staaten.

Zweitens lastet der Schaden, der dadurch entsteht, dass die Kredite wohl nie zurückgezahlt werden, auf der gesamten deutschen Volkswirtschaft und nicht zuletzt – mal wieder – auf den Bürgern. Denn ein Großteil der deutschen Exporte der letzten zehn Jahre ist noch nicht bezahlt, sondern über Kredite finanziert. Der Ausfall dieser Kredite bedeutet, dass wir den Südeuropäern insoweit unsere Waren geschenkt haben werden. Beide Effekte führen zu erheblichen Wohlstandsverlusten in Deutschland. Wir sind uns dessen nur noch nicht bewusst.

– Der Autor ist Vorsitzender der Stiftung Ordnungspolitik und des Centrums für Europäische Politik.

Autor: bz