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14. Januar 2014 10:58 Uhr

Gastbeitrag

Kollegdirektor Mertes prangert Hetze gegen Homosexuelle an

Klaus Mertes ist Direktor des Jesuitenkollegs St. Blasien – und plädiert dafür, dass das Thema gleichgeschlechtliche Sexualität in Schulen behandelt wird. Ein Gastbeitrag.

  1. Klaus Mertes, Kollegdirektor in St. Blasien. Foto: Privat

Ein Schüler der 7. Klasse knipst mit seinem Handy zwei Mitschüler beim Duschen. Anschließend stellt er das Bild auf Facebook aus und schreibt darunter: "Schwule Schwuchteln beim Duschen." Einer von tausend vergleichbaren Fällen in deutschen Schulen. Wer leugnen wollte, dass es da ein Homophobie-Problem gibt, der lebt an der gesellschaftlichen Realität vorbei. Der Fairness halber sei ergänzt: Der Junge wusste nicht oder nicht ganz, was er da tat. Von seinen Eltern und von seinem Klassenlehrer zur Rechenschaft gezogen erschrak er über sich selbst. Zwei Jahre später meldete er sich im Religionsunterricht, als gerade das Thema Ehe und Familie auf dem Lehrplan stand, und stellte ganz offen interessierte Fragen zum Thema Homosexualität.

Das Schulgesetz nimmt Bezug auf das christliche Menschenbild

Auch viele Erwachsene wissen anscheinend nicht, worüber sie reden, wenn sie sich zu Homosexualität äußern. Es ist erfreulich, dass sich die Kirchen von den Hetzparolen und diffamierenden Blog-Einträgen distanziert haben, die seit der vergangenen Woche die Petition gegen die Leitlinien für Lehrpläne in Baden-Württemberg begleiten. Sie hätten vielleicht auch die Online-Petition noch etwas kritischer unter die Lupe nehmen können, damit sich auch diejenigen Katholiken und Protestanten repräsentiert fühlen, die bei diesem Thema nicht nach HB-Männchen-Manier sofort in die Luft gehen. Und natürlich hat es nichts mit Homophobie zu tun, wenn man einige Punkte des vorgelegten Bildungsplans 2015 kritisch sieht. Darüber wird in Ruhe zu reden sein.

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Die Landesverfassung und das Schulgesetz nehmen Bezug auf das christliche Menschenbild. Der Kern des christlichen Menschenbildes besteht in der Aussage, dass der Mensch als Mann und Frau Gottes Ebenbild ist – also eine Würde hat, die niemand ihm nehmen darf. Jesus berief sich auf dieses Menschenbild, um die Entwürdigung der Frau in der patriarchalischen Ehe zu bekämpfen. Entsprechend liegt der praktische Akzent beim Hinweis auf das christliche Menschenbild, wenn man ihn auf die aktuelle Debatte bezieht, darauf, dass auch homosexuellen Menschen dieselbe Würde der Gottesebenbildlichkeit zugesprochen ist – und zwar nicht nur theoretisch, sondern mit Konsequenzen für die Praxis, vom Schutz vor Diskriminierung bis hin zur Anerkennung von Rechten. Der eigentliche Skandal ist, dass das offensichtlich nicht selbstverständlich ist.

Das Ideal der Ehe zwischen Mann und Frau ist nicht in Gefahr

Es ist ekelhaft, wenn sich christlich nennende Hetzer und Blogger von einem "christlichen Menschenbild" sprechen, um Hass gegen Schwule, Lesben und Transsexuelle auszuüben. "Worin du den anderen richtest, darin verurteilst du dich selbst" (Röm 2,1). Entsprechend diesem Wort von Paulus wäre es christlich, sich zu fragen: Wo trage ich das Diskriminierungsverbot gegen Homosexuelle, das auch der Katholische Katechismus kennt (Nr. 2359), zwar auf den Lippen, aber nicht im Herzen? Wo berufe ich mich auf die Bibel, um Bestätigung zu finden, und wo vermeide ich den Blick auf sie, weil sie mich in Frage stellt?

Das Ideal der Ehe zwischen Mann und Frau ist nicht in Gefahr. Alle Studien belegen, dass für das Gros der Jugendlichen Ehe und Familie höchste Attraktivität besitzen. Das Ideal ist nicht durch die Tatsache gefährdet, dass Scheidungsraten gestiegen sind. Wer in der Schule mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, der weiß, dass die allermeisten Trennungen mit großen Schmerzen verbunden sind.

Als Lehrer oder Erzieher entrinnt man diesen Themen nicht

Wenn gleichgeschlechtliche Paare sich dem Ideal der Treue und zu verbindlicher Unterstützung gegenseitig verpflichten, dann kann das nur im Sinne der Schrift sein. Die Frage nach Kindern in gleichgeschlechtlichen Beziehungen muss vom Kindeswohl her bedacht werden – was auch für Kinder aus der Ehe zwischen Mann und Frau gilt. Mit alledem sind Lehrer und Erzieher befasst. Wenn man die konkreten Menschen und Schicksale vor Augen hat, wird man behutsamer in Ton und Inhalt.

Es gibt nur wenige Themen, bei denen so viel gelogen und geschummelt wird wie beim Thema Sexualität und Sexualpädagogik. Das sollten sich alle sagen lassen, die den Mund so voll nehmen. Nur wenn ein jeder vor seiner eigenen Haustür kehrt, kann er auch – jedenfalls im Geist des Evangeliums – über diese Themen sprechen. Als Lehrer oder Erzieher entrinnt man ihnen nicht. Deswegen sollten wir jetzt die Gelegenheit nutzen, dass sie auf der Tagesordnung stehen. Die Jugendlichen haben einen Anspruch darauf.
Zur Person

Pater Klaus Mertes ist Direktor des Jesuitenkollegs St. Blasien. Von 2000 bis 2011 leitete er das Jesuitengymnasium Canisius-Kolleg in Berlin.

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Autor: Klaus Mertes