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09. April 2010
Wie steht es eigentlich um den Glauben der Bischöfe?
BZ-GASTBEITRAG: Eicke R. Weber wundert sich über den Umgang der Amtskirche mit den vielen Missbrauchsfällen.
Die Zeitungen und Talkshows behandeln täglich die Flut von Meldungen über körperliche Züchtigungen sowie sexuelle Belästigungen – bis hin zu Vergewaltigungen – Kinder und Jugendlicher. Leider führte besonders die Verdrängung derartiger traumatischer Erlebnisse nur zu oft zu schweren Störungen der Persönlichkeitsentwicklung der Opfer. Die Befreiung, ein derartiges Problem aus der Jugendzeit nun endlich offen ansprechen zu können, wird in vielen Berichten deutlich, die wir derzeit in oft erschreckender Deutlichkeit lesen können.
Auch die gerade in diesen Tagen ans Licht kommenden Zustände in den speziellen Heimen der DDR für angeblich schwer erziehbare Jugendliche sind entsetzlich. Besonders bedrückend aber sind für mich die Vorkommnisse in allseits bewunderten Reformschulen wie der Odenwaldschule, und noch viel mehr die vielfältigen Berichte aus allen Ecken der Erde über problematische, überwiegend katholische Priester.
Ich selbst erlebte in den USA vor einigen Jahren den lawinenartigen Prozess der Veröffentlichung tragischer Schicksale tausender durch katholische Priester missbrauchter Kinder und Jugendlicher. Das amerikanische Recht kennt keine Obergrenzen bei Schadenersatzforderungen. Es gibt einem geschädigten Kläger die Möglichkeit zur Klage ohne finanzielles Risiko, da der Anwalt nicht vom Kläger bezahlt werden muss. Er finanziert sich durch die vertragliche Abtretung eines Anteils vorab. Die an den Kläger zu zahlende Summe kann ein Vielfaches eines eigentlichen Schadenersatzes betragen. Dies führte dazu, dass einzelne Opfer viele Millionen Dollar erstritten und die Kirche in den USA seit 1950 mehr als zwei Milliarden Dollar zu zahlen hatte; einige Diözesen gingen bankrott.
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Es ist sehr zu begrüßen, dass der Papst in seinem Hirtenwort endlich mit klaren Worten auf dieses Problem einging. Leider entschloss er sich, nur zur Situation in Irland Stellung zu nehmen, obwohl es sich doch ganz offensichtlich um ein globales Problem der Kirche handelt. Er unterließ es auch, auf den in diesem Zusammenhang höchst problematischen Zölibat einzugehen, der dazu führen kann, dass sich junge Männer mit pädophilen Neigungen ganz besonders zum Priesteramt hingezogen fühlen. Der erst seit der zweiten Hälfte der Kirchengeschichte verbindlich vorgeschriebene Zölibat war sicher ein Hauptgrund dafür, dass traditionell Nachrichten über sexuelle Handlungen von Priestern, von homo- und heterosexuellen Beziehungen bis hin zu vielen von Priestern und auch Bischöfen gezeugten Kindern von der Kirche unterdrückt wurden. Pädophile konnten sich unter diesem Schutz vor der Öffentlichkeit sicher fühlen. Politik der Kirche war es, derartige Vorkommnisse unter äußerster Verschwiegenheit zu regeln und die Täter nicht dem öffentlichen Recht zuzuführen.
Ein besonders wichtiger Aspekt wird fast völlig übergangen: Die Kirche lehrt, dass wir täglich von Gott beobachtet werden. Wir werden angeleitet, zu Gott um Hilfe bei täglichen Problemen zu bitten und sollen Sünden bereuen und in der Beichte gestehen, um eine Vergebung der Sünden mit Hilfe der Absolution des Priesters zu erhalten. Wie muss man nun den Glauben der Priester beurteilen, die nach ersten Verfehlungen wissen, dass sie ein schweres Problem mit ihrer pädophilen Neigung haben und sich dennoch weiter dem Umgang mit Jugendlichen aussetzen, diesen sogar suchen? Wie muss man den Glauben von Bischöfen beurteilen, die Priester nach schweren Verfehlungen stillschweigend versetzen ließen, wohl wissend oder in Kauf nehmend, dass sie an einer neuen Stelle ihre widerwärtigen Handlungen fortsetzen konnten? Wie steht es um den Glauben der Bischöfe und Kardinäle in der Kongregation für die Erhaltung des Glaubens, die in Rom von derartigen Fällen aus aller Welt erfuhren und das Verhalten der Ortsbischöfe duldeten? Glauben die führenden Bischöfe und Kardinäle überhaupt daran, dass Gott sie täglich beobachtet und beurteilt?
Es ist erstaunlich, dass die Frage des Glaubens der in diese Vorgänge verwickelten Priester und besonders der Bischöfe in der Diskussion nicht auftaucht. Fühlen auch sie sich von Gott beobachtet, glauben ihre Amtsbrüder daran, oder gibt es gar eine nicht unbeträchtliche Anzahl von kirchlichen Würdenträgern, die nur ihr Amt auf Erden so gut wie möglich erfüllen, sich aber vor einer letzten Instanz gar nicht verantwortlich fühlen?
– Der Autor ist Direktor des Fraunhofer-Instituts für solare Energiesysteme in Freiburg.
Autor: eiw
