Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

15. August 2009

Armut hat viele Gesichter

Auch im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald leben viele Menschen in schwierigen Verhältnissen

  1. Der Armut ein Gesicht geben will die Liga der Wohlfahrtsverbände im Landkreis: Langzeitarbeitslose haben unter Anleitung der Bildhauerin Martina August diese Tonfiguren geschaffen. Foto: Sigrid Umiger/Franz Dannecker

  2. Haben Armut zum Schwerpunktthema gemacht (von links): Sören Funk, AWO; Sigrid Leder-Zuther, DRK; Bernhard Scherer, Caritas; Albrecht Schwerer, Diakonie Foto: Franz Dannecker

LANDKREIS BREISGAU-HOCHSCHWARZWALD/FREIBURG. Die Bundesrepublik ist ein reiches Land, besonders gut geht es den Menschen im Süden des Landes. Dennoch: Auch hier ist Armut ein Phänomen, das immer gewichtiger wird. "Auch bei uns ist die Welt nicht in Ordnung", sagt Bernhard Scherer, Geschäftsführer des Caritasverbandes für den Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald, "die Bedeutung der Armut nimmt zu, ohne dass man dies eindeutig an Zahlen festmachen kann".

Die Liga der Freien Wohlfahrtspflege im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald, der die sechs Verbände Diakonie, Arbeiterwohlfahrt, Caritas, Zentrale Wohlfahrtsstelle der Juden, Paritätischer Wohlfahrtsverband und Deutsches Rotes Kreuz angehören, hat für dieses Jahr die Armut zu ihrem Schwerpunktthema gemacht. Die Liga hat dies getan mit Blick auf das "Europäische Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung", das für 2010 ausgerufen wurde. Die tägliche Praxis der sozialen Dienste zeige ohnehin, so Scherer, dass das Problem der Armut immer mehr um sich greife. Es gibt für den Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald keine statistischen Daten, doch in Baden-Württemberg liegt der Prozentanteil minderjähriger Kinder, die in wirtschaftlich prekären Verhältnissen leben, bei 17 Prozent.

Werbung


Die Armut, mit der die Mitarbeiter der Dienste konfrontiert werden, ist natürlich relativer Natur. Absolute Armut, also der Zwang, mit weniger als einem Euro täglich auskommen zu müssen, gibt es in der Region Freiburg natürlich nicht. Nach der Definition der Europäischen Union ist arm, wer weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens zur Verfügung hat. Für eine alleinstehende Person liegt dieser Grenzbetrag auf Basis der 2005er-Einkommen bei 812 Euro.

Die realen Einkommen sinken seit Jahren – Armut nimmt also zu. Nach einer im Juni 2008 veröffentlichten Umfrage der Bertelsmann-Stiftung empfinden 73 Prozent der Bevölkerung die die Einkommens- und Vermögensverhältnisse in der Bundesrepublik als ungerecht – ein Jahr vorher waren es nur 56 Prozent. Armut und Ausgrenzung haben sich verfestigt, die soziale Durchlässigkeit der Gesellschaft nimmt ab.

Die wirtschaftliche Armut hat Folgen auf die soziale Teilhabe des Einzelnen an der Gemeinschaft – und das sei, so Scherer, das Hauptproblem. Wer arm ist, ist weniger vernetzt, hat weniger Möglichkeiten, sich zu entwickeln oder sich helfen zu lassen. So hat denn Armut viele Gesichter: Kinder kommen hungrig zur Schule, die Freizeit kann nicht sinnvoll genutzt werden, es gibt Defizite im kulturellen Bereich und schlechtere Aussichten auf schulischen und beruflichen Erfolg. Armut geht einher mit geringeren Bildungschancen,mit Schulversagen, gesundheitlichen Beeinträchtigungen und seelischen Belastungen.

Armut hat vielerlei Ursachen – Arbeitslosigkeit gehört dazu, Kinderreichtum ebenfalls, auch eine psychische Erkrankung kann arm machen. In den kommenden Wochen wird die Badische Zeitung in einer Artikelserie über die verschiedenen Aspekte der Armut im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald berichten.

Autor: unsrem Redakteur Franz Dannecker