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13. August 2013

Auf der Suche nach dem Roten Milan

Seltene Vögel versus Rotorblätter: Ein Ornithologe prüft im Südschwarzwald, wie sich Windkraft und Artenschutz versöhnen lassen.

  1. Frank Wichmann sucht in der Nähe des Haldenköpfles beim Schauinsland den Himmel nach gefährdeten Vögeln ab. Foto: Gabriele Hennicke/dpa

MÜNSTERTAL. Der Vogelkundler Frank Wichmann aus Sulzburg ist derzeit ein gefragter Mann. Er erstellt im Auftrag eines Planungsbüros Gutachten über das Vorkommen bedrohter Vogelarten an potentiellen Windrad-Standorten im Südschwarzwald. Akribisch notiert er, was sich am Himmel bewegt. Einen Morgen lang hat er sich dabei beobachten lassen.

Ein Sommertag, Treffpunkt beim Gasthof Zähringer Hof im Münstertäler Ortsteil Stohren um halb neun Uhr. Die Fahrt geht noch etwa einen Kilometer auf einem Feldweg hinauf Richtung Haldenköpfle. Dass hier einer unterwegs ist, der Vögel, liebt, wird beim Blick in den Innenraum seines Kastenwagens deutlich. Den hat Frank Wichmann mit großen Federn geschmückt.

An einer Bank hält der Ornithologe an. Von hier aus hat er einen guten Blick auf den möglichen Windkraft-Standort, den Suchraum Haldenköpfle. Frank Wichmann (42) ist selbstständiger Biologe und Vogelbeobachter seit seinem siebten Lebensjahr. Er packt ein Beobachtungsfernrohr, ein Spektiv, aus, baut es auf, hängt sich ein Fernglas um und nimmt ein Klemmbrett mit einer Karte des Gebiets zur Hand: Mehr braucht es nicht.

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Windräder auf den Schwarzwaldbergen können für Vögel gefährlich sein. Sie haben kaum Chancen, den Rotoren der Windräder, die sich mit hohen Geschwindigkeiten drehen, auszuweichen. Der Ornithologe soll herausfinden, wo bedrohte Vogelarten, die durch die Windräder gefährdet sein könnten, leben und brüten. Zusammen mit seinen Kollegen ist er dafür während einer ganzen Brut- und Aufzuchtphase von März bis Mitte August im Südschwarzwald unterwegs.

Mit prüfendem Blick sucht der Vogelkundler den Himmel ab. Nichts zu sehen, man hört Vogelgezwitscher, "ein Kreuzschnabel und Finkenschlag", sagt der Experte. Der mögliche Windkraftstandort ist ein bewaldeter Bergrücken auf der gegenüberliegenden Seite. "In einem Radius von tausend Metern, der Kernzone, um den Standort schauen wir, ob dort windkraftsensible Arten nisten oder sie überfliegen", sagt er, "wir suchen drei Fixpunkte aus, von denen wir in sechs Durchgängen über jeweils drei Stunden beobachten".

Windkraftsensible Vogelarten gibt es im Hochschwarzwald einige: Roter und Schwarzer Milan, Wespenbussard, Wander- und Baumfalke, Uhu, Alpensegler und das Auerhuhn. Graureiher, Schwarz- und Weißstorch brüten zwar in tieferen Lagen, überfliegen jedoch Hochlagen. "Es gibt eben nur begrenzt Lebensraum für diese Arten, sie brauchen bestimmte Flächen zum Brüten und Flugkorridore, um sich mit ihren Artgenossen auszutauschen", sagt der Biologe, "deshalb sucht man Windkraftstandorte, die ein möglichst geringes Konfliktpotential haben." Bis zum Jahresende soll der Flächennutzungsplan für die Ausweisung von Windkraftstandorten in Münstertal stehen. Von ursprünglich 15 Zonen sind acht potentielle Zonen für Standorte übrig geblieben. Diese Zonen werden jetzt weitergehend untersucht, unter anderem auf Belange des Vogelschutzes.

Plötzlich ist die Ruhe vorbei, es geht Schlag auf Schlag.

"Ich versuche Hinweise auf ein Nest zu finden. Das können während der Balzphase im Frühling auffällige Flugspiele sein oder Vögel beim Nestbau, die Äste im Schnabel haben. Vogeleltern tragen Futter für die Jungvögel ein. Manchmal sieht man auch Jungvögel bei ihren Flugübungen", erklärt Wichmann, während er den Himmel nach Vögeln absucht. Plötzlich steht er auf, "ein Rotmilan, dort über dem Wald!" Wichmann nimmt das Fernglas zur Hand und kommentiert: "Er ist leicht am Flugbild zu erkennen, die Flügel leicht nach unten geneigt, der gegabelte Schwanz. Er fliegt langsam, ein Suchflug, vermutlich ein Nahrungsflug. Jetzt fliegt er aus der Kernzone hinaus nach Osten".

Dann der Blick auf die Uhr: 9 Uhr 18. Der Ornithologe trägt Uhrzeit, Flughöhe und Vogelart in eine Liste ein und zeichnet die Flugroute in die Karte. Vorbei ist die beschauliche Ruhe, jetzt geht es Schlag auf Schlag: 9 Uhr 39, ein Rotmilan fliegt von Osten her in die Kernzone, er fliegt über den Wald und setzt sich auf eine Tannenspitze. Frank Wichmann richtet das Spektiv auf den Milan. Es ist ein Altvogel, mit braunem Gefieder und hellen Unterflügeln. Der gegabelte Schwanz ist gut zu erkennen.

Während Frank Wichmann den Rotmilan einträgt, taucht ein anderer Greifvogel im Talgrund auf. "Ein Mäusebussard, nicht untersuchungsrelevant", sagt der Experte und schaut um sich. Er entdeckt einen Wespenbussard, ganz oben über dem Sittner Berg in der Kernzone. Es ist ein Weibchen. Dann wieder der Blick ins Spektiv zum Rotmilan auf der Tannenspitze. Er sitzt noch da und betreibt Gefiederpflege. "Rotmilane gibt es nur in Mitteleuropa, die Hälfte davon in Deutschland. Wir haben daher – global gesehen – in Deutschland eine sehr große Verantwortung für das Überleben dieser Art", sagt der Vogelkundler.

Welche Schlüsse zieht Wichmann nun aus seinen Beobachtungen? Früher im Jahr hätte das lange Ansitzen ein Hinweis auf einen Horst sein können, jetzt sei es wohl eine Ruhepause gewesen, meint er. Am Ende des Tages überträgt Wichmann alle Beobachtungen in den Computer. Auf der Grundlage aller Daten im Untersuchungszeitraum gibt er eine Bewertung und Begründung über das Vorkommen windkraftsensibler Vogelarten am jeweiligen Standort ab. Das Planungsbüro berücksichtigt diese Einschätzung bei der Aufstellung des Flächennutzungsplans, den es im Auftrag des Gemeindeverwaltungsverbandes Staufen-Münstertal erstellt. Es dauert sehr viel länger als ein Flügelschlag, bis ein Windrad steht.

Autor: Gabriele Hennicke