27. Juni 2009
Bruchlandung nach Quotenwegfall
Grünen-Politiker diskutierten mit Milchbauern, Touristikern und Landwirtschaftsvertretern über die Zukunft im Schwarzwald
HOCHSCHWARZWALD. Top gepflegte Höfe, gut bestellte Bauerngärten, sattgrüne Wiesen und friedlich grasende Kühe, zwitschernde Vögel und Kuhglockengebimmel: Der 1717 erbaute und zur Gemeinde St. Märgen gehörende Pfändlerhannisenhof von Fridolin und Susanne Saier könnte als Paradebeispiel dafür gelten, wie sich der Tourist den Schwarzwald vorstellt. Das malerische Landschaftsbild könnte jedoch bald der Vergangenheit angehören. "Wenn sich die Politik jetzt nicht bewegt, gehen die Stalltüren im Schwarzwald zu." Dessen ist sich Fridolin Saier (48) sicher.
Auf Einladung der Grünen-Abgeordneten Kerstin Andreae (MdB) und Wolfgang Pix (MdL) suchten Landwirte, Fachleute aus Landwirtschaft und Tourismus sowie Gemeinderatsmitglieder nach Lösungsmöglichkeiten, um die derzeitige Situation der Bauern in benachteiligten Gebieten zu verbessern.Auch wenn Fridolin Saier schon 1994 vom Anbinde- auf Laufstall umstellte und dadurch im Gegensatz zu vielen Berufskollegen eine Sorge weniger hat, bangt er um die Zukunft seines Hofes. Seinen arrondierten Grünlandbetrieb mit 50 Hektar eigener und gepachtete Fläche und 38 Milchkühen hat er vor drei Jahren auf Biobetrieb umgestellt, für seine Biomilch erhält er von der Breisgaumilch einen Grundpreis von 37,5 Cent pro Liter (zehn Cent weniger als im Vorjahr). Der höhere Auszahlungspreis gegenüber konventionellen Betrieben rechtfertige der höhere Aufwand, doch: "Wenn der Milchpreis weiter so fällt, wird es selbst bei der Biomilch schwierig".
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Damit das Milchauto auch im strengsten Winter – der letzte dauerte von November bis Ende März – in die Täler kommt, seien die Landwirte beim Räumen und Streuen gefordert. "Nur nicht krank werden oder anderweitig ausfallen" laute die Devise. Die Benachteiligung der Höhenlandwirte verdeutlichte er auch anhand seiner Flächen, die meist in Hanglage damit schwierig und teilweise auch gefährlich zu bewirtschaften sind: "Da ist es gut, wenn man die Gefahrenpunkte von Kind an kennt". Im Rundholz-Kaltlaufstall, der 1997 mit dem landwirtschaftlichen Innovationspreis L.U.I. ausgezeichnet wurde, fühlen sich seine Kühe wohl, dagegen sei das Arbeiten in strengen Wintern manchmal recht bitter. Dass der Stall derzeit nur von Schwalben bewohnt ist, ist den saftigen Weiden rund um seinen Hof zu verdanken. Der Weidebetrieb biete ihm den Vorteil, dass es im Sommer etwas weniger Arbeit gibt und die Futterkosten niedriger sind. "Wenn wir unseren Betrieb jedoch auf 80 Kühe aufstocken würden, wie es die Politik fordert, wären die Wiesen kaputt", sagt er.
Eine Lanze bricht er im Hinblick auf die Züchtung, die nicht nur auf Leistung, sondern auch auf die Gesundheit und Vitalität der Tiere abziele. Von der allseits gepriesenen Möglichkeit, sich mit Ferienwohnungen ein weiteres Standbein zu sichern, hält er nicht viel. Dies würde zum größten Teil auf dem Rücken der Ehefrau ausgetragen und durch den Wechsel am Sonntag würde dann der einzig freie Tag noch wegfallen. Um mit seiner Familie auch mal Urlaub machen zu können, greift er auf einen Junglandwirt als Betriebshelfer zurück. Doch auch hier gibt es mittlerweile Engpässe. Saier: "Die meisten lernen den Beruf nicht mehr, so dass die Auswahl sehr begrenzt ist."
Die Überproduktion der Milch, die Ursache des Preisverfalls, ist nach Meinung Saiers nur durch Mengensteuerung in den Griff zu bekommen: "Das müssen die Politiker mal kapieren." Der Wegfall der Quote 2015 werde keine weiche Landung, sondern eine Bruchlandung mit sich bringen. Zu viele Verpflichtungen sind seiner Meinung nach mit Subventionen verbunden, die unangemeldeten Betriebskontrollen setzt er teilweise mit Schikane gleich. Ähnlich sieht es auch Ruhbauernhof Matthias Maier: "Die gehen nicht vom Hof, bis sie nicht fünf Prozent der Fördergelder mitnehmen."
Die angesprochene Problematik im Hinblick auf die Veröffentlichung der EU-Agrarbeihilfen im Internet wurden nach Mitteilung von Reinhold Pix von den Grünen im Hinblick auf mehr Transparenz bei den Großunternehmen unterstützt. "Kritiker oder Neider offensiv und selbstbewusst angehen und mit der multifunktionalen Bedeutung der Landwirtschaft argumentieren", rät er den Landwirten.
zu einer unnötigen Gruppe." BDM-Kreisleiter Franz Schweizer
BDM-Kreisleiter Franz Schweizer wies auf die enge Verflechtung von Milch und Tourismus hin, die das derzeitige Preisrekordtief zu spüren bekomme. "Hat der Bauer Geld, hat die ganze Welt Geld": dem alten Sprichwort komme heute wieder große Bedeutung zu. Das Überleben werde nur durch eine gewinnbringende Produktion gesichert. Derzeit sehe es so aus, dass die bäuerlichen Kleinbetriebe der industriellen Landwirtschaft weichen müssten und fügte sarkastisch hinzu: "Wir werden im Schwarzwald zu einer unnötigen Gruppe." Das Beispiel Abwrackprämie habe gezeigt, dass innerhalb kürzester Zeit ein Gesetz beschlossen werden kann. Diese Möglichkeit würden auch die Milchbauern für die Milchquotenänderung einfordern.
Die Offenhaltung der Landschaft nicht mit dem Mulchgerät, sondern mit Raufutterfressern sei auch Anliegen des Naturparks, gab Geschäftsführer Roland Schöttle zu verstehen, da der Gast ein genaues Bild vom Schwarzwald vor Augen habe. Er wies auf die regionale Wertschöpfung durch Landwirtschaft und Tourismus, Handwerk, Gewerbe, Gemeinde und Zweckverbände hin und forderte zur weiteren Bündelung der Kräfte und zum engeren Bezug zwischen Erzeuger und Verbraucher auf. Ins gleiche Horn blies Marketingleiter Michael Kasprowicz von der Schwarzwald-Tourismus GmbH, der Milch und Landwirtschaft als Bestandteil des Tourismus bezeichnete und zusammen mit dem Naturpark mehr Stärke erreichen möchte. Noch immer werde zu viel "Kirchturmspolitik" betrieben. "Miteinander leben, sich gemeinsam darstellen und regionale Produkte verwenden" ist sein Credo. Der Einfluss des Milchpreises auf die regionale Wertschöpfung zeichnete Georg Wehrle anhand des Beispiels St. Märgen auf. Dort verringerte der Rückgang des Milchpreises von 15 Cent in den letzten zwei Jahren (28 Betriebe und 4,7 Millionen Litern Quote) die Wirtschaftskraft um 705 000 Euro. Stadtrat Leo Winterhalder (Titisee-Neustadt) ging auf die Problematik des privilegierten Bauens bei Landwirten mit mehreren Standbeinen hin und forderte eine Lockerung der Vorschriften, um der Eigenentwicklung bestehender Betriebe nicht durch Formalien den Todesstoß zu geben. Diesbezüglich wies Peter Ackermann von der Abteilung Landwirtschaft im Landratsamt auf die bestehenden Vorgaben, an die sich die Verwaltung halten müsse: "Alles andere ist Willkür."
Nachhaltigkeit, Qualität nicht Masse, das Gütesiegel "faire Milch" und Gentechnik freie Äcker dafür will sich Kerstin Andreae mit ihren Mitstreitern einsetzen. "Weltmarktorientierung ist nicht unser Ansatz, Überproduktion macht den Preis kaputt". Davon ist die junge Mutter überzeugt, die ihre drei Monate alte Tochter Emma zum Termin mitgebracht hatte.
Autor: Christa Maier




