Großprojekt

Eine Autobahn durch den Schwarzwald – eine Idee von gestern?

Florian Kech

Von Florian Kech

Mo, 24. September 2012 um 17:13 Uhr

Kreis Breisgau-Hochschwarzwald

Die B 31 beschäftigt viele Gemeinden im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald wie kaum ein anderes Thema. Während am Kaiserstuhl im Westen um den gestoppten Weiterbau der Bundesstraße bis Breisach gestritten wird, fordert im Osten Buchenbach für seinen Ortsteil Falkensteig einen Tunnel. Wäre die vor über 40 Jahren verhinderte Schwarzwaldautobahn etwa doch die Lösung gewesen?

Komplizierte Probleme lassen sich in der Politik nur selten einfach lösen – und wenn doch, ist die Verblüffung umso größer. Ende Mai verkündeten gut gelaunte Vertreter von Stadt und Regierungspräsidium den Durchbruch in der Freiburger Tunnelfrage dank eines simplen Tricks: Ein Teilabschnitt der B 31 soll kurzerhand zur Autobahn umgetauft werden. Die Verkünder der frohen Botschaft wirkten fast ein wenig beschwipst vom eigenen "genialen Einfall", was Baubürgermeister Martin Haag allerdings nicht davon abhielt, in aller Nüchternheit klarzustellen, dass dies "keine Wiederauferstehung der Schwarzwaldautobahn" sei.



Da war sie wieder, die Reizvokabel, die zwischen Freiburg und Donaueschingen noch immer Gemüter erhitzt. Für die einen ist die Schwarzwaldautobahn ein Synonym für eine von oben geplante Landschaftszerstörung; die anderen trauern dem gescheiterten Großprojekt nach, weil sie in ihm den einzigen Ausweg aus den Problemzonen der B 31 sehen.

Zu Grabe getragen wurde die A86 im Grunde schon in den späten Siebzigern. In einem letzten Aufbäumen hatte die eilig noch ins Leben gerufene "Aktionsgemeinschaft für den Bau einer Schwarzwaldautobahn" im Oktober 1979 einen flammenden Appell an den damaligen Landesverkehrsminister gerichtet. In dem Schreiben wurde darauf beharrt, "dass nicht der vierspurige Ausbau der B 31 zwischen Freiburg und Donaueschingen, sondern allein eine neue Straßenverbindung mit eigenständiger Trasse den Verkehrsnotwendigkeiten unseres Raumes gerecht wird". Zu den Unterzeichnern zählten die Oberbürgermeister von Freiburg und Villingen-Schwenningen, Eugen Keidel und Gerhard Gebauer, sowie Freiburgs damaliger Baubürgermeister Sven von Ungern-Sternberg. Federführend war Emil Schill, der Landrat vom Breisgau-Hochschwarzwald.

Das sei damals das beherrschende Thema gewesen, erinnert sich Jochen Glaeser, der in jener Zeit im Landratsamt arbeitete und später Schills Nachfolger werden sollte. Laufend habe man mit Bauern aus dem Jostal diskutiert, neue Gutachten erstellen lassen, bis man schließlich mit der Untertunnelung des Spirzen und des Rosskopfs eine konsenstaugliche Variante zu haben glaubte. "Das wär’s gewesen", sagt Glaeser heute noch. Er bedauert: "Die Chance wurde nicht genutzt."

Die ersten Überlegungen zu einer Autobahn quer durch den Schwarzwald gab es in den frühen Sechzigern. Der rasant anwachsenden Autolawine war die zweispurige B 31 nicht mehr gewachsen. In Freiburg ging die Sorge um, vom Rest des Landes abgeschnitten zu werden. Der Ballungsraum Stuttgart drohte die Wirtschaftskraft aus dem Hochschwarzwald abzusaugen. Alles sollte fließen auf einer neuen vierspurigen Trasse über den Spirzen, das Höllental links liegen lassend.

Wirbel in der Presse

Zunächst schien die Begeisterung für diese Vision groß zu sein. Bei einem ersten Erörterungstermin in St. Märgen im Mai 1968 ließen selbst die betroffenen Bauern mit sich reden. Je mehr über die Pläne aber berichtet wurde, desto mehr Südbadener lehnten die Eingriffe in die Landschaft ab. Bauern bangten um ihre Erbhöfe, Naturschützer warnten vor zerstörten Lebensräumen. Bald machte ein halbes Dutzend Bürgerinitiativen mobil. Dass quasi in der Nachbarschaft gegen einen möglichen Reaktor in Wyhl demonstriert wurde, beflügelte den Widerstand zusätzlich. Einer der Wortführer der Autobahngegner war Günther Reichelt. "Wir entfachten damals einen riesigen Wirbel in der Presse", erzählt der Biologieprofessor aus Donaueschingen. Überdies kam gleich in zwei unabhängigen Kosten-Nutzen-Analysen die Autobahn schlechter weg als der alternative Ausbau der B 31.

Die Gegner übernahmen nun die Meinungsführerschaft. Rolf Böhme, damals für die Freiburger SPD im Bundestag, teilte schon früh die Auffassung seines Parteigenossen Erhard Eppler, dass die Schwarzwaldautobahn eine "mittlere Barbarei" wäre. Von Bonn aus konnte er beobachten, wie sich auch in anderen Parteien die Reihen der Befürworter lichteten. Am Ende war es der junge Ministerpräsident Lothar Späth, der im Oktober 1979 der A 86 ein für alle mal eine Absage erteilte. "Wenn man so will", sagt Böhme heute, "hat Späth schon damals eine Politik des Zuhörens praktiziert". CDU-Mann Glaeser formuliert es so: "Späth hatte einfach die Nase voll."

Als die Schwarzwaldautobahn vom Tisch war, zogen Böhme und Glaeser an einem Strang – der eine als Oberbürgermeister von Freiburg, der andere als Landrat. Nun ging es um den Ausbau der B 31-Ost, der ähnlich viele Gegner auf den Plan rief wie die kurz zuvor vereitelte A 86. Anfangs hoffte man in Freiburg noch auf die Nordumgehung. Doch mit der Autobahn ist auch diese Variante gestorben. "Sie lohnte sich einfach nicht", erklärt Böhme. Man hätte einen komplizierten Dreisamabstieg benötigt, der den Verkehr in die Stadt führte. 1984, Böhme saß gerade zwei Jahre im Rathaus, da sah ein Gutachten den Stadttunnel gegenüber der Nordumfahrung im Vorteil.

Heute ist kaum jemand mit der Situation auf der B 31 zufrieden. Weder in Freiburg noch in Falkensteig oder in Löffingen. In seinem 7000-Einwohner-Städtchen herrschen schon jetzt "autobahnähnliche Zustände", sagt Bürgermeister Norbert Brugger (SPD). Nur: Auf einer Autobahn können die Brummifahrer abends Raststätten anfahren, auf der B 31 stellen sie ihre Kolosse im Löffinger Gewerbegebiet ab. "Das müssen wir tolerieren", sagt Brugger, "irgendwo müssen die ja schlafen". Bei Löffingen wird die Strecke gerade um eine dritte Spur erweitert. Brugger ist froh darüber, zweifelt aber, dass der Ausbau den wachsenden Verkehrsfluss in den nächsten Jahren auffangen kann. Mehr als drei Spuren sind in Löffingen nicht möglich. "Die B 31 stößt an ihre Grenzen", glaubt Brugger.

Auch Professor Reichelt ist nicht glücklich mit dem Status quo auf der wichtigen Verkehrsader zwischen Donaueschingen und Freiburg. Er gibt zu, damals "nicht alle Einzelheiten bedacht" zu haben. Die Argumente von damals, fährt der Naturschützer aber fort, "haben nichts von ihrer Gültigkeit eingebüßt".

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