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19. Januar 2011 14:56 Uhr
Jeder einzelne Spender zählt
EBRINGEN. Die Nachricht war ein Schock. Anfang Oktober erfuhr Bernd Goldschmidt aus Ebringen, dass er an Leukämie erkrankt ist. Sofort wurde die Suche nach einem Stammzellenspender für den 31-jährigen Vater von drei Kindern eingeleitet. Mit Erfolg: Über die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) konnte Goldschmidts "genetischer Zwilling" gefunden werden, am 1. Februar wird transplantiert. Damit auch andere Leukämiekranke diese Chance bekommen, gibt es am Sonntag, 23. Januar, eine gemeinsame Typisierungsaktion von DKMS und Maltesern in der Ebringer Schönberghalle.
Einen passenden Spender für einen Erkrankten zu finden, das gleicht der berühmten Suche nach der Nadel im Heuhaufen. "Im günstigsten Fall liegt die Wahrscheinlichkeit bei 1 zu 20 000, bei seltenen Gewebemerkmalen kann sie bei 1 zu über einer Million liegen", erklärt Alessandro Hämmerle, DKMS-Teamleiter Spendenneugewinnung. Die DKMS ist eine von über 30 Spenderdateien in Deutschland. Bei ihr sind rund 2,3 Millionen Menschen registriert, im ganzen Bundesgebiet sind es 4,1 Millionen. Weltweit haben bislang 15,3 Millionen Menschen ihre Daten solchen Karteien zur Verfügung gestellt. Durch solche Typisierungsaktionen wie in Ebringen sollen diese Zahlen gesteigert werden – denn je mehr Menschen weltweit in solchen Spenderdateien registriert sind, desto höher ist die Chance, einen passenden Spender zu finden und damit einem Leukämiekranken zu helfen. "Alle 45 Minuten", so Hämmerle, "erkrankt in Deutschland ein Mensch, darunter viele Kinder und Jugendliche, an Leukämie."Werbung
Als Familie Goldschmidt von Bernds Erkrankungen erfahren hat, reifte in Vater Bernhard Goldschmidt schnell der Gedanke, in seinem Heimatdorf Ebringen am Schönberg eine Typisierungsaktion zu organisieren. Als Ortsbeauftragter der Ebringer Malteser warb er um die Unterstützung des Hilfsdienstes. "Für uns ist die Mithilfe eine Selbstverständlichkeit und eine Herzensangelegenheit", sagt Elisabeth Freifrau Spies von Büllesheim, Vizepräsidentin des Malteser-Hilfsdienstes. Und das nicht zuletzt auch deshalb, weil auch Bernd Goldschmidt in der Jugendbewegung der Malteser sehr aktiv war. Dazu kommt, dass der Hilfsdienst mit der Deutschen Knochenmarkspenderdatei zusammenarbeitet und für die Typisierung wirbt. Und weil Elisabeth Freifrau Spies von Büllesheim weiß, was solch eine Spende bedeutet: Vor 17 Jahren hat sie ihrem erkrankten Bruder Knochenmark gespendet und dem fünffachen Familienvater damit das Leben gerettet.
30 ehrenamtliche Helfer der Malteser konnten für die Aktion am kommenden Sonntag schon gewonnen werden. Tätig sein werden sie bei der Blutabnahme und in der Organisation. Dazu kommen noch 20 Freiwillige aus Ebringen.
Auf rund 1000 Spender hoffen Bernhard Goldschmidt, Alessandro Hämmerle, Elisabeth Freifrau Spies von Büllesheim und der Schirmherr der Aktion, Ebringens Bürgermeister Rainer Mosbach am Sonntag. Mitmachen kann jeder zwischen 18 und 55 Jahren. Wer sich in der Vergangenheit bereits hat typisieren lassen – egal bei welcher Datei – ist registriert und braucht sich nicht mehr aufnehmen zu lassen.
Und das erwartet die Spendenwilligen am Sonntag zwischen 12 und 16 Uhr in der Ebringer Schönberghalle: Als Erstes werden die Daten wie Name, Anschrift und Alter eines jeden Einzelnen erfasst und er muss eine Einverständniserklärung zur Speicherung seiner Daten unterschreiben. Die zweite Station dient der Zwischenkontrolle, außerdem ist es möglich, hier eine Spende zu machen. "Jede Typisierung kostet 50 Euro. Deshalb sind wir auf finanzielle Hilfe angewiesen, willkommen ist jeder Euro. Selbstverständlich wird aber niemand weggeschickt, der nicht spendet", erklärt Alessandro Hämmerle. Als Drittes folgt dann die Blutentnahme: Fünf Milliliter werden dem Spender im Sitzen abgenommen. Überwacht wird das von Ärzten und den Helfern des Malteser-Hilfsdienstes. Als Viertes und Letztes steht die Endkontrolle an. "Hier haben wir Blutprobe, Daten und den betreffenden Menschen nochmals zusammen", sagt Hämmerle, "die ganze Aktion dauert – wenn sich keine Schlangen bilden – gerade mal 15 Minuten."
Doch sie können Leben retten. Das weiß auch der 41-jährige Jens Liebenau aus Schallstadt, der Nachbargemeinde von Ebringen. Als das Kind eines Arbeitskollegen 1993 an Leukämie erkrankte, hat sich Liebenau typisieren lassen. "Erst habe ich lange nichts gehört, dann hieß es, ich komme in Frage, dann doch wieder nicht", erzählt er. Bis 2009 – da hat es gepasst. Aufregung und Freude habe diese Nachricht bei ihm ausgelöst. Er spendete seine Stammzellen im so genannten peripheren Verfahren (siehe Infobox). Nach fünf Tagen Medikamenteneinnahme und zweieinhalb Stunden bei der Blutfilterung, vorgenommen in der Uniklinik Dresden, war alles vorbei – und einem 46-jährigen Familienvater in den USA geholfen.
Zur Lebensretterin wurde auch Bianca Scherrer. Die 20-Jährige aus Bad Krozingen hat – ebenfalls 2009 – für ein kleines Mädchen gespendet. Scherrer wurden die Stammzellen in der Uniklinik Freiburg durch die Punktion des Beckens (siehe Infobox) entnommen. Dafür musste sie eine Nacht im Krankenhaus bleiben. "Angst hatte ich davor keine, ich war aufgeregt und habe mich gefreut, dass ich helfen kann", sagt sie. Beide loben Aufklärung und Betreuung durch die DKMS. "Man wird auch nach der Spende nicht allein gelassen", sagt Jens Liebenau. Dem Spender, das betont Alessandro Hämmerle von der DKMS, darf durch die Spende keinerlei Risiko entstehen. Zwei Jahre nach einer Spende werden keine weiteren Stammzellen entnommen.
Während dieser Zeit bietet die Deutsche Knochenmarkspenderdatei anonyme Briefkontakte zwischen Spender und Empfänger an, nach zwei Jahren ist – wenn beide Seiten das wollen – ein Treffen möglich. Aber ob mit persönlichen Kontakten oder ohne, Bianca Scherrer und Jens Liebenau sind sich sicher: "Wir würden jederzeit wieder spenden." Mit den Organisatoren der Typisierungsaktion hoffen sie auf viele Freiwillige am Sonntag – denn jeder Einzelne zählt.
Autor: Tanja Bury
