Staatsanwalt fordert sechseinhalb Jahre Freiheitsstrafe

Peter Sliwka

Von Peter Sliwka

Di, 24. Januar 2017

Kreis Breisgau-Hochschwarzwald

Ein 58-Jähriger soll in Breisach in 400 Fällen die Tochter seiner Lebensgefährtin missbraucht haben / Mutter sieht im Nachhinein viele Dinge in einem anderen Licht.

BREISACH/FREIBURG. Nun müssen die Richter entscheiden: Hat die Beweisaufnahme ergeben, dass ein 58-Jähriger zwischen 2001 und 2010 in Breisach die Tochter seiner damaligen Lebensgefährtin in 400 Fällen sexuell missbraucht hat? Folgen sie den Argumenten von Staatsanwalt Sebastian Wachter, dann ist der Angeklagte, der seine Unschuld beteuert, schuldig. Wachter hat eine sechseinhalbjährige Freiheitsstrafe gefordert. Haben die Richter jedoch Zweifel an der Aussage der heute 22-jährigen Frau, müssen sie ihn gemäß des Antrages von Verteidiger Michael Zitzlaff freisprechen.

Hellhörig wurden zwei Kriminalbeamte, als sie Mitte 2015 die junge Frau aus Breisach vernahmen. Sie hatte von Dezember 2014 bis Mai 2015 als Prostituierte gearbeitet. Ihr Zuhälter, der ins Visier der Polizei geriet, wurde nach Abschluss der Ermittlungen wegen Menschenhandels zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung zu einer Haftstrafe von drei Jahren und drei Monaten verurteilt. Die junge Frau hatte schon früher aussteigen wollen, war von ihrem Zuhälter jedoch am Telefon, das von der Polizei abgehört wurde, "an ihr altes Leben" und die "Geschichte mit dem Stiefvater" erinnert worden. Offenbar deshalb schaffte sie weiterhin an. Die Kriminalbeamten vermuteten, dass sich die Sache mit dem Stiefvater auf einen sexuellen Missbrauch beziehen könnte. Zumal in dem Ermittlungsverfahren zwei weitere Prostituierte eine "ähnliche Biographie" aufwiesen. Der 22-Jährigen wurde geraten, falls es zu einem sexuellen Missbrauch gekommen sei, sich einer Kollegin anzuvertrauen.

Im Juni 2015 sagte sie zum ersten Mal aus. Sie gab an, seit ihrem siebten Lebensjahr vom Lebensgefährten ihrer Mutter regelmäßig sexuell missbraucht worden zu sein. Immer wenn die Mutter abends zum Putzen oder zum Sport gegangen sei, habe sie der Lebensgefährte ins Schlafzimmer geholt und sich an ihr vergangen. Sie habe mit der Zeit gelernt, ihre Gefühle abzustellen. Sie berichtete, dass sie ihrer Mutter zu Beginn des Missbrauchs gesagt habe, dass der Lebensgefährte sie anfasse. Die Mutter wollte mit ihr zur Polizei gehen, falls das stimme. Das Gespräch wurde aber wegen eines beruflichen Termins der Mutter unterbrochen.

Angeklagter bestreitet Missbrauchsvorwurf

Während ihrer Abwesenheit sei es dem Lebensgefährten gelungen, sie zur Rücknahme der Vorwürfe zu überreden. Ansonsten würde sie mit ihrer Beschuldigung das Leben der Mutter zerstören. Die Siebenjährige bezichtigte sich deshalb, als die Mutter zurückkam, der Lüge. Die Aussage der Mutter machte im Prozess deutlich, wie schwer der Umgang mit dem Vorwurf des sexuellen Missbrauchs der Tochter gegen den langjährigen Lebensgefährten fällt: "Es will mir halt nicht in den Kopf, dass ein Mensch zu so was fähig ist, und dass ich das nicht bemerkt habe." Ergänzend sagte sie: "Ich wollt, ich wollt, ich wollt es einfach nicht glauben."

Im Nachhinein fielen der Mutter Dinge auf, die sie im Alltag nicht ernst genommen hatte. Zum Beispiel die Bitten der Tochter, wenn sie abends zum Putzen gehen musste: "Mama, bitte geh nicht weg". Auch erscheinen ihr die vielen und zum Teil teuren Geschenke, die ihr Lebensgefährte gegen ihren Willen ihrer Tochter gemacht hatte, nunmehr in einem anderen Licht. Als sie Anfang 2015 erfahren habe, dass ihre Tochter anschaffen gehe, sei sie geschockt gewesen. Heute arbeite sie in einem normalen Beruf.

Der 58-jährige Angeklagte bestreitet mit Nachdruck, sich an dem Mädchen jemals vergriffen zu haben. Es gab jedoch eine einschlägige, inzwischen getilgte Vorstrafe. Und es gibt Vorwürfe, dass er bei seiner Schwester, als sie noch ein Kind gewesen sei und auch bei deren Tochter sexuell übergriffig gewesen sein soll. Das haben aber beide Frauen, die als Zeuginnen aussagten, verneint. Beide vermuten, dass diese belastenden Aussagen der 22-Jährigen und ihrer Mutter aus Eifersucht und Rache über das Ende der langjährigen Beziehung mit dem 58-Jährigen im April 2015 erfunden worden seien.

Keine Einwände gegen Zeugeneignung und Aussagefähigkeit der 22-Jährigen hatte die psychologische Gutachterin, die die Glaubwürdigkeit ihrer Aussagen zu untersuchen hatte. Sie kam zu dem Schluss, dass die Angaben der Zeugin "mit hoher Wahrscheinlichkeit realitätsbezogen" und nicht erfunden seien. Gewisse Ungenauigkeiten und fehlende Details zu manchen Missbrauchstaten sprächen aufgrund der Vielzahl der Fälle nicht gegen eine Glaubwürdigkeit. Die Richter wollen ihr Urteil am Mittwoch verkünden.