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04. Januar 2014

"Patienten müssen mehr mitdenken"

Ärztlicher Bereitschaftsdienst im Landkreis ist neu organisiert / Weniger Fahrdienste / Notfallpraxen in Lörrach und Schopfheim.

  1. So menschenleer ist der Wartebereich der Notfallpraxis in Lörrach nicht immer. Foto: daniel Gramespacher

LÖRRACH. Seit 1. Januar ist der hausärztliche Bereitschaftsdienst im Landkreis neu organisiert. Im Kern gilt: Wer nachts, am Wochenende oder an Feiertagen, wenn sein Hausarzt nicht erreichbar ist, einen Arzt braucht, muss die Notfallpraxen in Lörrach und Schopfheim aufsuchen. Nur wer nicht laufen kann, darf mit einem Hausbesuch rechnen, wenn er den Bereitschaftsdienst unter der Telefonnummer 01805 19292 330 verständigt. Die Zeiten, in denen die Leitstelle einen Hausarzt vor Ort vermittelt hat, sind vorbei.

Im lebensbedrohlichen Notfall 112
Der ärztliche Bereitschaftsdienst ist nicht zu verwechseln mit dem Rettungsdienst, der in lebensbedrohlichen Fällen Hilfe leistet. Beispielsweise bei Ohnmacht oder bei einem Verdacht auf Herzinfarkt oder Schlaganfall, bei akuten Blutungen und bei Vergiftungen gilt wie bisher: Über die Notrufnummer 112 sofort den Rettungsdienst alarmieren.

Was gilt seit 1. Januar?
Wer am Wochenende, an Feiertagen oder unter der Woche nachts, wenn der Hausarzt nicht erreichbar ist, ärztliche Hilfe braucht, wendet sich an den ärztlichen Bereitschaftsdienst. Ohne vorherige Anmeldung können Patienten zu den Öffnungszeiten direkt in die beiden Notfallpraxen kommen, die niedergelassene Ärzte in den Kreiskrankenhäusern Lörrach und Schopfheim (siehe Info) betreiben. Zusätzlich sind kreisweit drei Ärzte im Fahrdienst unterwegs. Je einer deckt den Bezirk Lörrach/Grenzach-Wyhlen/Rheinfelden, den Bezirk Weil am Rhein/Kandertal/Markgräflerland sowie den Bezirk mittleres und oberes Wiesental ab.

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Dieser Fahrdienst besucht allerdings nur Patienten zu Hause, die aus medizinischen Gründen nicht in die beiden Praxen kommen können. "Wer laufen kann, muss in die Notfallpraxen", betont Kai Beringer, Hausarzt in Grenzach-Wyhlen und häufig im hausärztlichen Notdiensteinsatz. Telefonisch ist der hausärztliche Bereitschaftsdienst unter der zentralen Telefonnummer 01805 19292 330 erreichbar. Unter dieser Nummer vermittelt die Integrierte Leitstelle des Landkreises bei Bedarf auch Kinder- oder Zahnärzte, die Notdienst haben.
Was soll die Reform?
Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) hat den Bereitschaftsdienst vor allem reformiert, weil es an Ärzten mangelt. Laut KVBW ist jeder vierte Arzt in Baden-Württemberg älter als 60 Jahre und wird in den nächsten Jahren seine Praxis abgeben. Nachfolger zu finden wird aber immer schwieriger, vor allem in ländlichen Regionen. Das wirkt sich negativ auf den Notdienst aus, weil immer weniger Ärzte immer mehr Dienste machen müssen. Daher wurden landesweit bisher mehr als 300 Notdienstbezirke zu weniger als 70 zusammengefasst. Es gilt für Patienten als zumutbar, innerhalb von 20 bis 30 Autominuten eine Notdienstpraxis anzusteuern.

Ein zweiter Aspekt ist die Patientensteuerung. "Viele wissen gar nicht um das Bereitschaftssystem und suchen die Ambulanzen der Krankenhäuser auf, wo sie eigentlich nichts zu suchen haben", sagt Beringer. Auch weil sie einfacher zu finden sind als wechselnde Praxen niedergelassener Hausärzte sind die beiden Notfallpraxen in den Kreiskrankenhäusern Lörrach und Schopfheim angesiedelt. Davon verspricht sich die KVBW schließlich Synergieeffekte: Wer ins Krankenhaus muss, ist bereits dort. Auch Labors und Röntgengeräte sind bei Bedarf vor Ort.

Was heißt die Reform für Patienten?
"Patienten müssen künftig mehr mitdenken, um sich das Leben nicht unnötig schwer zu machen", lautet Beringers zentraler Rat. Konkret heißt dies: Wer chronisch krank ist und regelmäßig verschreibungspflichtige Medikamente benötigt, sollte darauf achten, dass diese nicht dann ausgehen, wenn sein Hausarzt nicht erreichbar ist, sondern rechtzeitig ein Rezept holen. Auch ein Vorrat an Schmerzmitteln in der Hausapotheke ist ratsam.

Wer meint, er müsse in der Notfallpraxis im Krankenhaus weniger lang warten als beim Hausarzt, irrt bisweilen. Beringer berichtet von Samstagen, an denen in Lörrach im Durchschnitt 50 bis 60 Patienten zu versorgen waren. Selbst ein Hausbesuch des Fahrdienstes löst nicht jedes Problem. Der Arzt kann beispielsweise nicht jedes Medikament bei sich haben. Dann muss der Patient anschließend selbst in der Notdienstapotheke sein Medikament holen. Kurzum: Der Bereitschaftsdienst sollte nur verständigt werden, wenn tatsächliche Not gegeben ist. "Das ist kein Tankstellenshop, an dem man sich was holen kann, wenn die anderen Läden geschlossen haben", veranschaulicht Beringer. Er empfiehl dringend, sich tagsüber ärztlichen Rat zu holen und den Bereitschaftsdienst nicht unnötig mitten in der Nacht zu verständigen. "Der Notdienst ist kein Ersatz für hausärztliche Routineversorgung."

Was bedeutet die Reform für Ärzte?
Im Landkreis Lörrach hat sich die Zahl der Notdienstbezirke von sieben auf drei verringert. Das heißt: Die Ärzte haben seltener Notdienst. Angepeilt sind maximal sieben pro Jahr. Hat ein Arzt aber Notdienst, ist er für deutlich mehr Patienten zuständig als früher. Im Bezirk Lörrach/Hochrhein sind es rund 100 000. Die Belastung im Dienst ist daher viel höher. "Wir müssen uns im Fahrdienst auf jene Patienten beschränken, die den Namen Notdienst verdienen", erklärt Beringer. Ein grippaler oder Magen-Darm-Infekt könne keinen Hausbesuch mehr bekommen. 60 bis 80 Prozent der vermeintlichen Hausbesuche ließen sich in einen Praxisbesuch umwandeln, wenn der Arzt mit dem Patienten spricht, ist Beringer überzeugt. "Wird der Notdienst für Routinesachen missbraucht, fehlt uns die Zeit für die wirklich kranken Menschen."

ÄRZTLICHER BEREITSCHAFTSDIENST IM LANDKREIS LÖRRACH

Zentrale Tel. : 01805 19292 330

Notfallpraxen (ohne Anmeldung) im Kreiskrankenhaus Lörrach (Spitalstraße 25): Montag bis Freitag, jeweils 19 bis 22 Uhr, Samstag, Sonn- und Feiertag, jeweils 9 bis 22 Uhr

und im Kreiskrankenhaus Schopfheim (Schwarzwaldstraße 40): Samstag, Sonn- und Feiertag, jeweils 9 bis 13 und 16 bis 19 Uhr.  

Autor: gra

Autor: Daniel Gramespacher