KRIMINALROMANE: Im Kölner Sumpf

Joachim Schneider

Von Joachim Schneider

Sa, 22. September 2018

Literatur & Vorträge

Susanne Saygins Debüt, Petra Ivanovs Reihe.

Feinde überall. Das großartige Debüt von Susanne Saygin und Petra Ivanovs routinierte Rachegeschichte.

Feinde

Hätte auch früher Schluss sein können: in dem Moment, wo alles offensichtlich ist, aber nichts gelöst. Keine Gerechtigkeit, keine Transparenz, kein Entkommen. Knapp und präzise erzählt Susanne Saygin in "Feinde" von einem Fall, wo Menschenleben nichts sind und Beziehungen alles. Sie nimmt die Kölner Baubranche ins Visier, ein Karnevalsverein mit Horrorfratzen unter den Masken. Viele Mächtige und Entscheidungsträger stecken im Sumpf, der dazu braun eingefärbt ist. Die Opfer stammen aus dem Osten und sind hauptsächlich Roma, die Männer werden verheizt auf dem Bau oder auf dem so genannten Schrottstrich, die Frauen leiden noch mehr auf dem "echten". Wer sich wehrt, muss dran glauben. Auf der anderen Seite gibt es Leute, die helfen, die Sozialarbeiterin Marie wird erschlagen.

Und Bullen, die versuchen, ihre Arbeit zu tun. Can, ein türkischer Weltbürger, kam aus Verlegenheit zur Polizei, seine Vorgesetzte Simone wartet mit ihrer Partnerin auf ein Adoptivkind. Cans Mitbewohnerin Isa, die Chefin einer renommierten Architekturzeitschrift, hilft mit Insiderwissen. Die Beziehungen und Verflechtungen sind kompliziert, die Biografien alles andere als geradlinig. Schon das ein realistischer Aspekt, während Saygin mit Klischees, Erwartungen und dem Genre spielt, sehr abgezockt. Hauptkommissar Can – nach einer Operation vom Dienst befreit – begleitet undercover einen Kleinbus voller Roma, die in ihre bulgarische Heimat gerettet werden sollen. Nicht nur hier ist jeder Zeile anzumerken, dass Saygin fünf Jahre recherchierte.

"Feinde" beginnt als knallharter Polizeiroman und verwandelt sich aus der Sackgasse in eine Art Bildungsroman – unter denkbar schlechten Vorzeichen: Es geht nicht mehr darum, die Conditio humana zu erkennen, sondern darum, dass sie vielleicht eine Schimäre ist. Saygins Debüt gehört zu den besten deutschsprachigen Kriminalromanen der letzten Zeit: nicht nur weil die Geschichte stilistisch und kompositorisch internationales Niveau erreicht, sondern auch wegen ihrer Perfidie. Ein paar Ungereimtheiten tun diesem großen Wurf keinen Abbruch. Die absurde Romantik als letzter Ausweg erinnert an Größen des französischen Neo-Polar.

alte Feinde

Auch die Schweizerin Petra Ivanov hat in ihrer Reihe um den Ermittler Bruno Cavalli und die Staatsanwältin Regina Flint oft unmenschliches Unrecht thematisiert. In ihrem Thriller "Alte Feinde", der sich wie eine Erholung von Saygins "Feinde" liest, geht es um eine persönliche Rachegeschichte. Die spielt – durchaus reizvoll – hauptsächlich in den USA und knüpft an ihren Roman "Erster Funke" an, der von der ersten Begegnung von Flint und Carvallis handelt. Nun geht es in die Tiefe: Geschickt verknüpft Ivanov eine historische Ebene – den amerikanischen Bürgerkrieg – mit der Gegenwart, actiongeladene Spannung mit dem Nachdenken über historische Wahrheit, Geschichtsklitterung und Heldenverehrung. Cavallis indianische Herkunft bekommt viel Raum. Fesselnd und lehrreich. Ungerechtigkeit hat viele Gesichter.

Susanne Saygin: Feinde. Roman. Heyne Verlag, München 2018. 352 S., 12,99 Euro.
Petra Ivanov: Alte Feinde. Roman. Unionsverlag, Zürich 2018. 384 S., 26 Euro.