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24. November 2009 16:51 Uhr

"Glatter Rufmord"

Krisen-Reportage in der "Zeit" erzürnt die Eisenbacher

Eisenbach kämpft – unter diesem Titel ist die Wochenzeitung "Die Zeit" der Frage nachgegangen, wie die Finanzkrise dem Schwarzwalddorf zusetzt. Nun könnte es aber heißen: Eisenbach zürnt. Die Reportage kam nicht gut an, der Bürgermeister spricht von Rufmord.

  1. Um Eisenbach ist es nicht so schlecht bestellt, wie es diese Reste in der Ortsdurchfahrt und die Magazin-Reportage der „Zeit“ vermitteln, finden die Eisenbacher. Foto: peter stellmach

  2. Die Eisenbacher sind empört über die bundesweite Darstellung in der „Zeit“. Foto: Peter Stellmach

  3. „Deswegen werden wir aber noch lange nicht von der Landkarte verschwinden“: Bürgermeister Alexander Kuckes. Foto: privat

EISENBACH. Im Eisenbacher Rathaus sitzt Bürgermeister Alexander Kuckes konsterniert am Schreibtisch und lässt seine Augen noch einmal über jene zehnseitige "Zeit"-Reportage wandern, die ihn seit Tagen in Rage bringt. Von "Schockstarre" ist darin die Rede, der "stummen Hysterie" eines Ortes, der die meiste Zeit "unter einer Schneedecke begraben liegt". Unter der Last der aktuellen Krise, orakeln die Autoren, drohe ganz Eisenbach "einfach zu verschwinden". Als er das zum ersten Mal gelesen habe, gesteht Kuckes, seien ihm vor Wut beinahe die Tränen gekommen. Kurz darauf habe dann auch noch Anne Will angerufen und ihn in ihre Sendung einladen wollen – "vermutlich als traurigster Bürgermeister Deutschlands", sagt Kuckes kopfschüttelnd.

Eisenbachs Unternehmer feilen an einem Beschwerdebrief

Ein ganzes Jahr lang haben die beiden "Zeit"-Autoren die Eisenbacher auf ihrem Weg durch die Wirtschaftskrise begleitet. Wohl sechsmal seien sie aus Berlin angereist, wird erzählt, um sich ein Bild von jenem Ort zu machen, das man auch "Gear Valley" nennt, das Tal der Getriebe, das auf Gedeih und Verderb von der gebeutelten Autoindustrie abhängt. Im Nachhinein, sagt Kuckes, hätten sie sich den ganzen Aufwand sparen können, "denn die Tendenz des Artikels stand offenbar schon vorher fest".

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Einen ähnlichen Eindruck hat auch Michael Grieshaber, der eher unfreiwillig die Hauptrolle in der Reportage einnimmt. Er fühle sich ausgenutzt als "Statist eines schlechten Groschenromans", klagt Grieshaber, der seit einem Jahr seinen insolventen Betrieb zu retten versucht. Eine Anfrage an die Autoren sei bislang unbeantwortet geblieben, sagt er.

Eisenbachs Unternehmer wollen in diesen Tagen einen gemeinsamen Beschwerdebrief an die Herausgeber nach Hamburg schicken. Sogar in den USA hätten ihn verunsicherte Kunden auf den Artikel angesprochen, erzählt Norbert Willmann, Geschäftsführer bei IMS Gear. Die "einseitige Berichterstattung" sei nicht nachvollziehbar. IMS Gear, immerhin Eisenbachs größter Arbeitgeber, ist in der Reportage nur am Rande erwähnt. "Kein Wort darüber, dass wir unsere Stammbelegschaft trotz Krise halten konnten", ärgert sich Willmann. Ganz ignoriert wurde die Firma Weckermann. Dass er die Krise ohne Kurzarbeit überstanden hat, habe wohl nicht ganz ins Genre gepasst, vermutet Geschäftsführer Karl Duttlinger.

Auch in der "Eisenbachstube" ist das literarische Untergangsszenario derzeit Gesprächsthema Nummer eins. Täglich treffen sich hier, wo laut "Zeit" neuerdings "tote Hose" herrschen sollte, rund 20 Beschäftigte verschiedener Betriebe zur Mittagspause. "Wer soll denn hier resigniert haben?", fragt Elisabeth Saar, die seit 37 Jahren beim Getriebebauer Framo arbeitet. All die schwierigen Monate habe in den Firmen und im Ort ein toller Zusammenhalt geherrscht, fügt ihre Kollegin Renate Hauser an. Hinter dem Tresen schaltet sich Gastwirt Armin Fehrenbach in das Gespräch ein. Das ganze Dorf sei "in den Dreck" gezogen worden, schimpft er. Dabei sei Eisenbach an praktisch jeder Innovation in den vergangenen 100 Jahren beteiligt gewesen – selbst beim Apollo-Programm seien Teile der IMS im Spiel gewesen. "Was soll denn ein Ort mit einer Größe von 2000 und ein paar Zerquetschten noch mehr leisten?", fragt Fehrenbach und lässt beide Fäuste auf die Theke fallen.

Als Wirtschaftsstandort ist Eisenbach gleich in doppelter Hinsicht einzigartig. In ganz Deutschland sucht man wohl vergeblich nach einem zweiten Dorf mit einer so hohen Fabrik-Dichte. 900 Pendler begegnen sich täglich auf den Firmenparkplätzen. Von den insgesamt 1400 Jobs gehören 1300 zum Getriebebau – auch das ist einzigartig. Zumindest im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald ist Eisenbach mit einer Industriequote von 94 Prozent einsame Spitze. Nur sechs Prozent arbeiten in Eisenbach in Dienstleistungen – in Bötzingen und Lenzkirch, den zweit- und dritt-industrielastigsten Standorten im Kreis, liegt dieser Anteil immerhin bei 17 und 30 Prozent. Die Wurzeln dieser einzigartigen Monostruktur reichen zurück ins 18. Jahrhundert, als praktisch in jedem Eisenbacher Haushalt Uhren zusammengeschraubt wurden. Aus dem Handwerk entstanden dann im Zuge der Industrialisierung die Eisenbacher Weltmarktführer.

Kuckes: Werden nicht von der Landkarte verschwinden

In der gegenwärtigen Krise hat sich der Eisenbacher Sonderweg als Problemfall erwiesen. Das will der Bürgermeister nicht bestreiten, der dieses Jahr mit einem Zehntel der Gewerbesteuereinnahmen zurecht kommen muss. "Deswegen werden wir aber noch lange nicht von der Landkarte verschwinden", versichert Kuckes, zumal Eisenbachs Firmenväter schon wieder vorsichtig Optimismus versprühen. Bei IMS Gear lief bereits im Juli die Kurzarbeit aus. Die Auftragslage hat sich seither so stark verbessert, dass an manchen Linien die Sieben-Tage-Woche eingeführt wurde. Auch Grieshaber glaubt, aus dem Gröbsten heraus zu sein. Für die Zeit, in der es wieder richtig aufwärts geht, will Eisenbach gerüstet sein. Kürzlich hat der Gemeinderat einem neuen Gewerbegebiet im Ortsteil Oberbränd zugestimmt. Auch ein Signal dafür, dass die Eisenbacher die Krise satt haben.

"Ach, Krise", winkt Gastwirt Fehrenbach ab. In Eisenbach habe es in den zurückliegenden 500 Jahren ständig Krisen gegeben – angefangen vom Bergbau bis zum Uhrenhandwerk. Aber gerade in diesen Umbruchphasen, sagt Fehrenbach, seien die Eisenbacher der Zeit doch immer ein Stück voraus gewesen.

Autor: Florian Kech