Kult-Comic

50 Jahre Asterix: "Aleae iactae sunt" statt Germanen-Siggi

Stefan Rother

Von Stefan Rother

So, 16. Dezember 2018 um 18:01 Uhr

Literatur & Vorträge

Der Sonntag Als Asterix vor 50 Jahren nach Deutschland kam, war das auch eine Wiedergutmachung. Denn bereits zuvor gab es eine deutsche Version – die war aber bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

"Beim Teutates!" Diese Gallier sind nicht kleinzukriegen. Zumindest diejenigen, die in einem unbeugsamen Dorf leben, das den römischen Besatzern Widerstand leistet.

Als am 18. Dezember vor 50 Jahren der erste Band "Asterix der Gallier" auf deutsch erschien, trat die Comic-Reihe von Autor René Goscinny und Zeichner Albert Uderzo auch in der Bundesrepublik ihren bis heute ungebrochenen Siegeszug an. Doch wie das so ist bei Zeitrechnungen: Es gibt mehrere Varianten. Denn bereits zuvor gab es eine deutsche Version der 1959 in Frankreich gestarteten Abenteuer – die war aber bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

Verantwortlich dafür zeichnete der deutsche Comicproduzent Rolf Kauka. Ältere Semester haben ihn vor allem als onkelhaften Schöpfer von "Fix und Foxi" in Erinnerung. Doch auch wenn Kauka sich für sein Figuren-Universum eifrig bei den amerikanischen Vorbildern bedient hatte, war er kein Freund fremder Kultureinflüsse. Selbst die konservative Welt charakterisierte ihn rückblickend als "deutschnational und stockreaktionär".

Seinem Weltbild entsprechend machte er sich ab 1965 daran, die vier via Lizenz erworbenen Asterix-Abenteuer für den Abdruck in der Jugendzeitschrift Lupo modern radikal zu germanisieren. So wurden aus Asterix und Obelix plötzlich die Westgoten Siggi und Babarras und aus den römischen Soldaten "NATOlische Besatzer". Antisemitische Klischees fanden sich ebenso. Tiefpunkt war, als die "Eindeutscher" Siggi einmal den Hinkelstein von Babarras mit den Worten "Musst du denn ewig diesen Schuldkomplex mit rumschleppen? Germanien braucht deine Kraft wie nie zuvor" kommentieren ließen. Björn Höcke hätte seine Freude gehabt.

Kaukas Fassung ist mehr als eine bizarre Anekdote – trug doch gerade der Ausrutscher dazu bei, dass die Serie bei ihrem deutschen Neustart ein lang anhaltendes Qualitätsniveau erreichte. Denn als Uderzo von den Machenschaften Wind bekam, ereilte ihn die größte Sorge seiner Comicfiguren: Ihm fiel der Himmel auf den Kopf. Dem Kauka-Verlag wurde umgehend die Lizenz entzogen und an den Ehapa-Verlag vergeben, zur Sicherheit ließ man sich die deutschen Texte ins Französische rückübersetzen und pochte fortan auf Qualität. Dafür sorgen sollte die Übersetzerin Gudrun Penndorf, die schon zuvor Abenteuer von Donald Duck und Micky Maus ins Deutsche übertragen und dabei viel von der heute legendären Erika Fuchs gelernt hat. Die promovierte Kunsthistorikerin reicherte die "Lustigen Taschenbücher" mit bildungsbürgerlichen Referenzen und Wort-Neuschöpfungen ("Ächz!") an.

Ganz so viele Freiheiten wie bei den rund 200 "Lustigen Taschenbüchern" hatte Penndorf bei Asterix nicht, brachte aber reichlich Wortwitz mit ein. Auch bei den Namen zeigte sie sich kreativ – aus dem Fischhändler Ordralfabétix ("alphabetische Sortierung") wurde etwa Verleihnix, vielleicht ihre bekannteste Schöpfung. Und während es bei Siggi unoriginell: "Uii, die Römer sind doof" hieß, sagte Obelix nun: "Die spinnen, die Römer!"

Viele der Zitate und Situationen sind fest in das deutsche popkulturelle Gedächtnis eingegangen. Wie in vielen der besten Asterix-Bände werden in "Asterix bei den Schweizern" die Eigenschaften der Nachbarländer liebevoll-überspitzt aufs Korn genommen. Da interpretieren Goscinny und Uderzo mal eben den Wilhelm-Tell-Mythos neu oder fügen anachronistische Anspielungen wie "Essoguck" ein, eine frühe Variante der Schweizer Autobahnraststätten. Dazu kommen zahlreiche Anspielungen auf die Schweizer Pünktlichkeit und Sauberkeit sowie auf das Bankgeheimnis.

Diese Vielschichtigkeit trägt zur ungebrochenen Popularität der Reihe bei. Als Kind erfreut man sich an den Abenteuern, den lustigen Keilereien mit den Römern und daran, dass der untalentierte Barde Troubadix zum Festmahl am Ende gefesselt und geknebelt zum Schweigen gebracht wird. Mit zunehmendem Alter beginnt man die zahlreichen Anspielungen auf Pop, Kultur, Geschichte und Tagespolitik zu begreifen.

Alle Generationen dürften sich schließlich an der fröhlichen Anarchie der freiheitsliebenden Gallier erfreuen – im deutschen Ersterscheinungsjahr 1968 stieß diese vor allem beim jungen studentischen Publikum auf offene Ohren.

Aber über die Jahre hat Asterix auch dazu beigetragen, dass Comics allmählich als eigene Kulturform akzeptiert wurden. Schon die frühen Abenteuer erschienen nicht nur als Hefte, sondern auch als Bände, die auch im Buchhandel erhältlich waren. Bunte Comics neben deutschen Klassikern? Seinerzeit galt das als Frevel. Bei Asterix fiel der Gesinnungswandel aber einfacher, weil hier regelmäßig lateinische Sinnsprüche vorkamen: Aleae iactae sunt "Die Würfel sind geworfen (worden)" oder Morituri te salutant ("Die Todgeweihten grüßen dich") und anderes dürften mehr Menschen bei der Lektüre der Comicbücher verinnerlicht haben als im Lateinunterricht. Konsequenterweise gibt es auch Asterix-Bände auf Latein sowie in zahlreichen Mundarten, auch auf Alemannisch (aus "Die Trabantenstadt" wird "De Hüslibau") und Niederalemannisch "Asterix un d’Emanz", basierend auf "Asterix und Maestria").

Zur wachsenden Akzeptanz von Asterix hat beigetragen, das im Kontrast zu den überwiegend amerikanischen Comicproduktionen oft spezifisch europäische Geschichten erzählt werden. Schließlich war das die Motivation von René Goscinny und Zeichner Albert Uderzo bei der Erschaffung der Reihe. Nach dem Tod Goscinnys 1977 und dem Erscheinen des letzten von ihm getexteten Bandes "Asterix bei den Belgiern" 1979 ging es nach Ansicht vieler Fans mit der Qualität etwas bergab. Auch Pennedorf verabschiedete sich einige Bände später als Übersetzerin. Mittlerweile hat sich auch Uderzo aus dem Geschäft zurückgezogen, dafür haben als neues Duo Jean-Yves Ferri als Autor und Didier Conrad als Zeichner übernommen. Mit Erfolg – der im Vorjahr erschienene Band "Asterix in Italien" setzt nicht nur die Tradition der Besuche in den Nachbarländern fort, sondern wurde überwiegend positiv aufgenommen. Und der erste Band "Asterix der Gallier" wurde soeben als Jubiläumsband mit acht Sonderseiten zur Geschichte der Serie neu aufgelegt.

Stefan Rother
Asterix der Gallier Jubiläumsausgabe, Egmont Ehapa, 7,50 Euro.