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25. August 2017

"Alles wird neu erfunden"

BZ-INTERVIEWmit Uwe Heinrich vom Jungen Theater Basel über die Treibstoff Theatertage, die jungen Künstlern eine Bühne bieten.

  1. Die Live-Video-Performance „Superquadra“ thematisiert den Größenwahnsinn von Architektur. Foto: F. Wiesel

  2. Uwe Heinrich Foto: privat

Es geht um Server Rooms und Google Translate, um digitale Informationen und Updates. Zuschauer sollen sportliche Kleidung und das Smartphone mitbringen – die Performance-Beschreibungen der Treibstoff Theatertage in Basel klingen anders als andere Theaterprogramme. Junge Theaterschaffende zeigen ab Mittwoch ihr Können. Sophia Hesser hat mit Uwe Heinrich vom Jungen Theater Basel, der der Programmgruppe angehört, gesprochen.

BZ: Herr Heinrich, man könnte meinen, klassische Theaterstücke gibt es nicht mehr, wenn man sich das Treibstoff-Programm durchliest.
Heinrich: Klassische Theaterstücke, also eine Geschichte mit Figuren, die ein Problem miteinander haben und am Ende glücklich sind, gibt es tatsächlich nicht. Das ist auch nicht das, was die jungen Leute interessiert. Die nehmen sich das Recht, Theater neu zu erfinden. Sie denken nicht: "Aha, so macht man das." Sondern fragen sich: "Wie könnte man es machen?" Treibstoff ist ein Festival der freien Szene, in der neue Dinge ausprobiert werden. Diese Künstler wollen nicht das Abo-Publikum zufrieden stellen.

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BZ: Ist das Programm also nichts für die breite Masse?
Heinrich: Wer sich überraschen lassen möchte, kann gerne kommen. Wer etwas sehen will, das er vor 15 Jahren schon mal gesehen hat, wird nicht glücklich werden. Alles wird neu erfunden bei Treibstoff.

BZ: Um was geht es bei den Stücken?
Heinrich: Wenn ich das jetzt schnell sagen könnte, dann müssten die Künstler ja gar nicht arbeiten. Die Gruppen stellen sich Aufgaben. Es ist wie eine Matheaufgabe, die klingt am Anfang furchtbar kompliziert, dann gibt es ein Gleichheitszeichen und man versteht. "Superquadra" beschäftigt sich etwa mit Architektur und größenwahnsinnigen Entwürfen.

BZ: Inwieweit hilft das Treibstoff-Team den jungen Theatermachern?
Heinrich: Wir haben 170 Projektvorschläge bekommen. Mit 15 Gruppen führen wir ein vertiefendes Gespräch. Sieben werden dann eingeladen. Sie werden von den Dramaturgen von der Kaserne Basel, Roxy Birsfelden und Junges Theater Basel begleitet. Es gibt Rat und technischen Support.

BZ: Welches Ziel verfolgt das Projekt?
Heinrich: Junge Künstler, die gerade anfangen ihren Berufsweg zu gehen, können in einem professionellen Raum ihre Ideen präsentieren. Das Festival ist ein Vorspiel zur Theatersaison. Manche Treibstoff-Stücke werden im Anschluss an anderen Theaterhäusern gezeigt. Die Teilnehmer von Treibstoff entwickeln sich aber auch einfach als Künstler weiter. Es geht darum, auf sich aufmerksam zu machen. Boris Nikitin etwa hat bei Treibstoff mitgemacht und mittlerweile als Regisseur einige Preise abgeräumt.

BZ: Welche Hoffnung setzen Sie in die jungen Leute?
Heinrich: Die antiquarische Kunstform Theater soll eine Frischzellenkur erhalten – eben auch durch solche Festivals. Es ist schade, dass sich die jungen Leute während ihrer Ausbildung mit modernsten Diskursen auseinandersetzen und das Publikum dann nichts damit anfangen kann.

BZ: Technik scheint eine große Rolle zu spielen.
Heinrich: Natürlich, es ist ja auch eine technisierte Welt, und es gibt viele technische Möglichkeiten, die man auf der Bühne einsetzen kann. Gleichzeitig ist uns auch bewusst: Alles hat aber seine Grenzen, und das wird auch thematisiert. Es lösen sich aber auch strenge Grenzen innerhalb des Theaters auf. Man fragt nicht mehr: Wann darf man Videos oder Musik einsetzen? Bei Treibstoff heißt es: Alles ist da, also nutzen wir es auch.

BZ: Sogar eine App ist Teil des Projekts. Was hat es damit auf sich?
Heinrich: Bisher gab es bei den Theatertagen immer Workshops für Theaterkritik. Dieses Mal wollten wir das anders machen. Das Kollektiv Kansas hat eine App entwickelt, mit der man an den Spielorten Zusatzinfos bekommen kann. Am Premierenabend werden kurze Statements der Zuschauer auf Video aufgenommen, auch die können Besucher über die App aufrufen. Wer kauft denn schließlich noch ein Programmheft und blättert es durch? Ein Videostatement ist da zeitgemäßer.

Uwe Heinrich, Jahrgang 1965, ist seit 2000 Leiter des Jungen Theaters Basel.
Treibstoff Theatertage 2017
, Mittwoch, 30. August, bis Samstag, 9. September, in Basel. Die Produktionen werden mehrmals und an verschiedenen Orten gezeigt. Infos unter http://www.treibstoffbasel.ch. Karten gibt es auch bei der BZ unter mehr.bz/treibstoff17.

Autor: she