Dem anderen ein Lächeln sein

Annette Hoffmann

Von Annette Hoffmann

So, 14. Januar 2018

Kultur

Der Sonntag Mit dem Gastspiel "Sunny" zeigt das Theater Freiburg Tanz im Großen Haus.

Wellen gehen durch die Körper der zehn Tänzerinnen und Tänzer, dann Wind. Und manchmal sieht es aus, als bewegten sie sich unter der Mittagssonne Südfrankreichs. Emanuel Gats Stück "Sunny", das am 20. Januar am Theater Freiburg gastiert, hat zwar keine Handlung, aber verschiedene Stimmungen.

Für ohrwurmanfällige Menschen kann Emanuel Gats Tanzstück "Sunny" eine echte Herausforderung sein. Tage danach hat man noch Bobby Hebbs 1966 veröffentlichten Song im Kopf – mit sämtlichen Coverversionen. Und von denen gibt es nicht gerade wenige. Von Marvin Gaye bis hin zu Boney M. haben viele die Geschichte dieses Lächelns aufgegriffen, dass dem Sänger den Tag rettete. Hebb selbst dürfte eher bedrückter Stimmung gewesen sein, als er das Liebeslied schrieb. Der Popmythos will, dass "Sunny" unter dem Eindruck des Attentats auf J. F. Kennedy und des Todes von Bobby Hebbs Bruder, der bei einer Messerstecherei umkam, entstand. Awir Leon hat nicht lediglich eine weitere Coverversion hinzugefügt. Der in Paris lebende Leon hat aus dem vierminütigen Popsong eine Komposition gemacht, die eine Stunde lang Emanuel Gats Choreographie trägt. Er hat ihn auseinandergenommen, verfremdet und durch eigene Kompositionen erweitert. Auch beim Freiburger Gastspiel wird er selbst auf der Bühne stehen, live Musik machen und singen.

Emanuel Gat arbeitet seit knapp 15 Jahren mit einer eigenen Compagnie zusammen. Der in Frankreich lebende Israeli kann es sich leisten. In der Tanzszene hat er einen bemerkenswerten Start hingelegt und sich auf hohem Niveau etabliert. Zum Tanz kommt man in der Regel im Kindesalter, nicht so der 1969 geborene Gat. Mit 23 nahm er erstmals an einem Workshop von Nir Ben Gal teil, wenige Monate später stand er auf der Bühne, und bald choreographierte er auch. In Israel wurde Gat mehrfach ausgezeichnet, seit 2007 lebt er im südfranzösischen Istres, wo auch die Compagnie ihren Sitz hat. Von dort tourt sie zu bedeutenden Festivals weltweit. Gat wird die zehn Tänzerinnen und Tänzer nach Freiburg begleiten und im Winterer-Foyer einen Workshop geben.

Ist "Sunny" typisch für Emanuel Gats Arbeitsweise? Ja, sagt Bettina Földesi. Földesi, die selbst ausgebildete Tänzerin ist und in Gießen Angewandte Theaterwissenschaften studierte, ist nicht nur Dramaturgin am Theater Freiburg, sondern am Haus auch für die Produktion der Gastspiele verantwortlich. Seit Gat eine eigene Compagnie hat, sind eine Reihe größerer Gruppenstücke entstanden, erzählt sie. Und seitdem beziehe er das, was an Bewegungsmaterial von den Tänzern komme, ein. Tänzer, zitiert sie Emanuel Gat, müssen nicht selbst choreographieren, sie müssen aber wissen, wie es ist, zu choreographieren. Dieser Anspruch mag charakteristisch für jemanden sein, der eigentlich Dirigent werden wollte, bevor er den Tanz entdeckte.

Und auch Awir Leon, der sich mittlerweile in der elektronischen Musik einen Namen gemacht hat, denkt über sein Arbeitsfeld hinaus. Leon hat lange als Tänzer gearbeitet, zuletzt in Gats Compagnie. "Sunny" ist nun bereits das zweite Stück, in dem er als Musiker auftritt. Leons Kompositionen steuern nicht nur viel zur jeweiligen Atmosphäre des Tanzstückes bei, er agiert mit der Compagnie, geht zur Bühnenkante, und immer wieder kehren die Tanzenden zu ihm und seinem Pult zurück, als könnten sie hier Energie für die folgenden Minuten aufladen oder sich zumindest sammeln.

Überhaupt wird in "Sunny" viel kommuniziert. Die Tänzerinnen und Tänzer verabreden sich auf Blickkontakt zu Duos, reagieren aufeinander, legen sich fürsorglich die Hand auf die Schulter oder zärtlich an die Wange, die Bewegungen stehen im Austausch. Gesten, offen und interpretierbar, nennt Földesi diese Figuren. Der Körper funktioniere als Zeichen, holt sie aus. Und wie jedes Zeichen sind auch diese nicht eindeutig lesbar. Dies macht die Gesten zugänglich für unterschiedliche Sichtweisen, sagt Földesi. Gats Tänzer mögen Körper wie Hochleistungssportler haben, doch sie sind durch ihre jeweiligen Eigenarten unterscheidbar voneinander. Wie eben Menschen in einer Gemeinschaft, in der man dem anderen kein Wolf, sondern ein Lächeln sein kann.
Sunny, Emanuel Gat und Awir Leon, Samstag, 20. Januar, 19.30 Uhr, Großes Haus, Theater Freiburg, Karteninformationen unter http://www.bz-ticket.de/karten