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27. Februar 2014

Kleiner Mann in Uniform hört auf Gewissen und Gefühl

Der Militärhistoriker Wolfram Wette referierte in der Riehener Gedenkstätte für Flüchtlinge über den Feldwebel Anton Schmid.

  1. Der Historiker und Autor Wolfram Wette (rechts) und Johannes Czwalina, der Leiter der Gedenkstätte für Flüchtlinge in Riehen Foto: Roswitha Frey

Er war ein stiller Held der Geschichte: Der Feldwebel Anton Schmid, der im Zweiten Weltkrieg mehr als 300 jüdische Verfolgte aus dem Hexenkessel von Wilna rettete. "Ich habe doch nur als Mensch gehandelt", schrieb der zum Tod Verurteilte im Abschiedsbrief an seine Frau. An diesen guten Menschen aus Wien, der unter Einsatz seines eigenen Lebens mutig so vielen vom Naziregime verfolgten Menschen half, erinnerte der renommierte Historiker Professor Wolfram Wette bei einem Vortragsabend in der Gedenkstätte für Flüchtlinge in Riehen.

Seit zwei Jahren gibt es diese Gedenkstätte, die aus einer persönlichen Initiative entstanden ist und aus der Betroffenheit, dass sich auch hier im Grenzgebiet im Zweiten Weltkrieg viele Flüchtlingsschicksale abgespielt haben. Um die Erinnerung an diese Flüchtlinge aufrecht zu erhalten, sind Schautafeln, eine Medienstation mit Tondokumenten sowie eine Bibliothek eingerichtet. Zudem veranstaltet die Gedenkstätte vier bis fünf Vorträge pro Jahr. Als "große Ehre" bezeichnete es der Gründer und Leiter Johannes Czwalina, dass in Wette ein angesehener Wissenschaftler, Forscher und Autor zu Gast war, der in der Vergangenheits-Aufarbeitung so wichtige Arbeit geleistet hat. Der in Waldkirch lebende Militärhistoriker, der als Professor für Neueste Geschichte am Historischen Seminar der Universität Freiburg lehrt, beschäftigt sich intensiv mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs, der Wehrmacht, dem Rettungswiderstand und der Friedensforschung und hat viel darüber publiziert. So hat Wette unter anderem das Buch "Stille Helden – Judenretter im Dreiländereck während des Zweiten Weltkriegs" herausgebracht.

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Eine "Ikone des Rettungswiderstands" und ein "Held der Humanität" ist für Wette der Feldwebel Anton Schmid, über den er ein Buch geschrieben hat. Wette ging der Frage nach, was diesen "kleinen Mann in Uniform" dazu bewegte, unter höchstem Risiko von den Nazis verfolgte Menschen in Sicherheit zu bringen. Schmid sei ein Anti-Nazi gewesen, der die Judenverfolgung ablehnte und aus "rein humanitären Erwägungen" half: Ein Mann mit einem weichen Herzen, dessen überragende Charaktereigenschaft die Menschlichkeit war und der sich in das Leid und die verzweifelte Lage der verfolgten Menschen hineinversetzen konnte – so beschreibt Wette diesen Feldwebel, der auf sein Gewissen und sein Gefühl hörte. Als der Mordterror in Wilna wütete, "hat er nicht mitgemacht, hat nicht wegschaut, sondern hat geholfen und Leben gerettet". "Für die geretteten Juden war Schmid so etwas wie ein Heiliger", sagt Wette.

Etwas über diesen 1900 geborenen Unteroffizier herauszufinden, erwies sich angesichts der dürftigen Quellenlage als sehr schwierig, weil jeder, der im Widerstand war, darauf achtete, keine Spuren zu hinterlassen. Fündig wurde der Forscher Wette in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, wo sich unter den Dossiers auch eines über Anton Schmid fand, der 1967 vom Staat Israel als "Gerechter unter den Völkern" geehrt wurde.

1941 traf Schmid im litauischen Wilna ein, wo er die Versprengten-Sammelstelle übernehmen sollte. Er geriet in einen Hexenkessel, wo die deutsche SS und die litauische Hilfspolizei tausende jüdische Männer, Frauen und Kinder zusammentrieb, verhaftete, verprügelte, ins Gefängnis steckte und ermordete. Schmid stellte sich auf die Seite der Naziopfer, besorgte einem Verfolgten das Soldbuch eines gefallenen Soldaten, steckte ihn in eine Wehrmachtsuniform und beschäftigte ihn in der Schreibstube. Eine junge Frau, die sich außerhalb der Sperrzeit im jüdischen Ghetto aufhielt, versteckte er in seiner Dienstwohnung, besorgte ihr eine Arbeitserlaubnis, um sie vor den Zugriffen der Polizei zu schützen. Schmid half auch Kriegsgefangenen und jüdischen Zwangsarbeitern aus der Gefahr, brachte viele von ihnen in Rettungsfahrten im Lastwagen aus der Todesfalle Wilna hinaus. Diese Fahrten wurden Schmid Anfang 1942 zum Verhängnis, er wurde denunziert, verhaftet, vom Militärgericht zum Tod verurteilt und erschossen. Es ist dem Autor Wette ein großes Anliegen, "dass dieser außergewöhnliche Mann nicht vergessen wird".

Autor: ros