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19. August 2011

BZ-Interview

Kulturhauptstadt 2020: Von Kirchbach glaubt weiter dran

Die Situation scheint verfahren: Freiburgs OB Dieter Salomon hat das Projekt Kulturhauptstadt 2020 für gescheitert erklärt. Die Verwaltung, die eine Leitidee für das Projekt entwickelt hatte, ist vorerst aus dem Spiel. Was nun, Herr von Kirchbach?

  1. Kulturhauptstadt in spe? Freiburg unterm Regenbogen Foto: dpa

  2. Ulrich von Kirchbach Foto: Ingo Schneider

Die Situation scheint verfahren: Der Freiburger Oberbürgermeister Dieter Salomon (Die Grünen) hat das Projekt Kulturhauptstadt 2020 für gescheitert erklärt; der Kulturausschuss des Gemeinderates hat ihm dafür eine Rüge erteilt. Ob und wie es nun weitergeht, muss der Gemeinderat im Herbst entscheiden. Und vor allem, mit welcher Leitidee. Die Verwaltung, die eine solche entwickelt hatte, ist nach dem Votum des OB vorerst aus dem Spiel. Was nun, Herr von Kirchbach?, wollte Alexander Dick von Freiburgs Kulturbürgermeister wissen.

BZ: Herr von Kirchbach, das Projekt Freiburg Kulturhauptstadt 2020 – ist es nicht schon gestorben?
Ulrich von Kirchbach: Das würde ich so nicht unterschreiben. Der Oberbürgermeister hat ein Fazit aus dem Expertenhearing gezogen, das ich nicht teile. Wenn er sagt, die Verwaltung stellt die Arbeiten ein, bedeutet das nicht, dass damit das Projekt schon gestorben ist: Der Ball liegt jetzt beim Gemeinderat, und der kann jederzeit sagen: Wir wollen das, und wir wollen das mit einer bestimmten Zielrichtung. Die Crux ist derzeit, dass zwar eine grundsätzliche Mehrheit pro Kulturhauptstadt im Gemeinderat erkennbar ist, man sich aber inhaltlich auf eine Leitidee einigen muss. Das ist auch wichtig, sonst arbeitet die Verwaltung weiter, und nachher sagen alle: Das ist aber nicht die Leitidee, die wir uns gewünscht haben.

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BZ: Ist die vom Kulturamt erarbeitete Leitidee ausbaufähig, oder muss man sich nach etwas Neuem umsehen?
Kirchbach: Meines Erachtens ist das, was das Kulturamt, insbesondere Herr Könneke unter Einbezug einer Konzeptgruppe unter meiner Federführung mit großem Engagement erarbeitet hat, eine gute und fundierte Grundlage. "Kultur der Stadt – Stadt der Kultur" hat nie den Anspruch erhoben, schon die Leitidee zu sein. Jetzt geht es darum, diesen Entwurf zu radikalisieren und zu fokussieren auf ein Thema. Da gibt es genügend, in dem Freiburg stark ist, oder wo wir den anderen europäischen Städten etwas sagen können. Aber das ist ein Aushandelprozess der Fraktionen. Angedacht ist ja schon vieles, von der Freiheitsbewegung in Freiburg bis hin zu unseren musikalischen Stärken. Wenn der Gemeinderat uns den Auftrag gibt, sind wir selbstverständlich bereit, uns da wieder von Neuem hineinzuhängen. Nicht die Länge der Idee ist entscheidend – sie muss zünden.
BZ: War es der richtige Weg, erst nach einem tragfähigen Konzept zu suchen? Viele Städte machen es anders herum: Erst eine breite Zustimmung für das Projekt Kulturhauptstadt schaffen und dann ins Detail gehen.
Kirchbach: Bei einer kritischen Selbstreflexion bin ich auch zu dem Ergebnis gekommen, dass es besser gewesen wäre – wie in Mannheim –, am Anfang des Prozesses ein klares Ausrufezeichen zu setzen und zu sagen: Ja, wir wollen’s. Und dann die Richtung zu formulieren, sonst arbeitet man immer im Nebulösen.
"Viele würden eine

Nichtbewerbung als

vertane Chance ansehen."
BZ: Das ist ja ein Kritikpunkt von Oberbürgermeister Salomon, wenn er sagt, er sehe nirgends ein großes Interesse geschweige denn eine Mehrheit in der Öffentlichkeit für das Projekt. Sehen Sie denn Möglichkeiten, in dieser Stadt einen Grad der Mobilisierung zu erzeugen, so dass das Thema über die politischen und gesellschaftlichen Gruppierungen hinaus in der Bevölkerung ankommt?
Kirchbach: Man muss ja sehen, dass wir uns mindestens neun Jahre im Vorfeld der Realisierung einer Kulturhauptstadt bewegen. Insofern ist klar, dass zu diesem Zeitpunkt nicht eine Massenbewegung entstehen kann. Umgekehrt habe ich den Eindruck, dass man jetzt immer häufiger auf das Thema Kulturhauptstadt angesprochen wird und viele eine Nichtbewerbung als vertane Chance ansehen würden. Insofern ist jetzt erstmals ein öffentlicher Diskussionsprozess in Gang gekommen.
BZ: Das impliziert, dass das Ganze einen Motor braucht, eine Leitfigur wie in Essen seinerzeit einen Fritz Pleitgen. Bräuchten wir das hier auch – und wer könnte das sein? Könnten Sie das sein?
Kirchbach: Ich glaube, die richtige Reihenfolge ist jetzt: zunächst die politische Entscheidung mit einer inhaltlichen Vorgabe. Danach muss man dann überlegen, wer das Ganze nach vorne bringen kann. Ich bin auch der Auffassung, wenn der Gemeinderat sich dafür entscheidet, wird es ohne den Oberbürgermeister nicht gehen. Aber da ist er auch Demokrat genug, um in einem solchen Fall die Idee weiter zu transportieren.
BZ: Da hat er sich bislang aber etwas anders ausgedrückt...
Kirchbach: Ja – aber es gibt im Amtsblatt ein Interview mit ihm, in dem er sagt, er sei bisher nicht überzeugt von der Leitidee. Insofern gibt es noch die Möglichkeit, dass er sich überzeugen lässt. Und dann muss man sehen, wer außerhalb der Politik noch eine gewichtige Rolle spielen kann. Ich stand von Anfang an der Idee positiv gegenüber, aber ich denke, ein Kulturbürgermeister allein kann’s nicht stemmen. Aber wichtig ist in der jetzigen Situation, nicht den dritten Schritt vor dem ersten zu machen. Sonst stolpern wir.
BZ: Wie sieht Ihre Wunschvorstellung aus, um nicht zu stolpern?
Kirchbach: Klar ist, dass es genügend Akteure gibt, von der Gründung der Bürgerinitiative Pro Kulturhauptstadt über viele andere, die mit ihren Ideen in die Fraktionen gehen und Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Es steht also ein Diskussionsprozess in den kommenden Wochen an – öffentlich und halböffentlich. Wichtig ist, dass man mit Ressourcen haushält und nicht ohne einen politischen Konsens weitere Zeit investiert. Und dann ist es auch richtig, irgendwann einen Schlusspunkt zu setzen, sich dafür oder dagegen zu entscheiden. Aber es sind auch einfach unterschiedliche Herangehensweisen, ob man sagt: Ich gehe nur in ein Rennen, wenn ich weiß, dass ich gewinne, oder ob ich sage, allein der Weg ist lohnend und wichtig für die Stadt.
BZ: Glauben Sie, dass die Freiburger Kulturszene in der Lage ist, so ein Projekt gemeinsam voranzutragen? Oder scheitert das nicht an der Unvereinbarkeit vieler Partikularinteressen?
Kirchbach: Wir sollten aus den Erfahrungen mit der Leitidee schnell unsere Lehre ziehen, denn Freiburg ist nicht so groß und das Projekt Kulturhauptstadt zu wichtig, als dass wir uns eine Verzettelung leisten können. Ich bin optimistisch, dass sich bei einem starken Signal der Politik dieses Bewusstsein durchsetzen wird und Einzelinteressen zurückstehen.

Autor: adi