Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

22. Mai 2014

Kunterbunte Genrefülle - Deutschlands einzige Kinderkulturbörse

Klein, aber gezielt: Ein Besuch bei Deutschlands einziger Kinderkulturbörse in Esslingen.

  1. Kinderkulturbörse Foto: Marion Klötzer

Das Angebot ist überschaubar: Gerade mal 36 Ausstellerstände drängen sich im Messezelt vor dem Esslinger Kulturzentrum Dieselstraße, der Kleinste misst nicht mehr als einen Quadratmeter. Umso bunter und quirliger die Szenerie: In den mit Figuren, Masken, Plakaten und halben Bühnenbildern ausstaffierten Boxen wird angeregt diskutiert und verhandelt, die Tische biegen sich vor Infomaterial und aufgeklappten Laptops mit Schaufilmen. Zwei Tage lang steppt hier der Bär, parallel zeigen 33 Kindertheater aus ganz Deutschland im Halbstundenrhythmus auf drei Bühnen Ausschnitte ihrer neuesten Programme.

Klein, aber gezielt: Seit 2000 organisiert Claudius Beck mit seiner Kulturagentur aus Salem Deutschlands einzige Kinderkulturbörse, die im zweijährigen Wechsel zwischen der Pasing Fabrik in München und einem Soziokulturellen Zentrum stattfindet. In Esslingen tummeln sich in diesem Jahr knapp 250 Fachbesucher aus Kulturämtern, Bibliotheken oder Eventagenturen, die meisten bestücken hier ihr Kinderprogramm. Es könnten mehr sein, meint Beck, aber gerade Kinderkultur werde oft nebenher eingekauft und sei in der gesellschaftlichen Wertschätzung noch lange nicht auf Augenhöhe mit Produktionen für Erwachsene angekommen.

Werbung


Die Resonanz von Seiten der Künstler ist trotzdem gut: "Ich bin seit 14 Jahren dabei, und es hat sich jedes Mal gelohnt. Hier ist jeder Veranstalter auf Kinder ausgerichtet, auf der Kulturbörse in Freiburg geh’ ich unter", erzählt Achim Sonntag aus dem Allgäu, der mit clowneskem Mitmachtheater durch die Lande zieht. "Für uns ist das wie ein Betriebsausflug", meint Thomas Best vom Darmstädter Theater "Die Stromer", "hier machen wir Veranstalterpflege und treffen Kollegen. Unsere Präsenz ist umso wichtiger, weil das Geschäft schwieriger geworden ist: Kinderkultur ist ein hart umkämpfter Markt mit schlechten Gagen". Nicole Weißbrodt vom Berliner Theater Lakritz ist relativ frisch dabei: Sie knüpft bei der Kinderkulturbörse Kontakte und baut am Netzwerk. Nebenan bestätigt Stefan Wiemers vom Freiburger Cargo-Theater: "Das ist die richtige Messe für uns – einerseits die passenden Fachbesucher, anderseits jede Menge Möglichkeit, die neuen Produktionen der Kollegen anzugucken." Wohlfühlfaktor mit Inspirationspotenzial – auch das bietet diese Spezialbörse also.

Sieben Geißlein und eine verknotete Prinzessin

Der erste Blick ins Programm der von einer unabhängigen Jury ausgewählten Sichtveranstaltungen beweist die Genrefülle: Da gibt es ein kunterbuntes Crossover aus Schauspiel, Figuren- und Puppentheater, Clownerie und Musik. Der zweite Blick ist da etwas ernüchternder, sind doch hauptsächlich Bilderbuch- und Märchenadaptionen vertreten. Innovativ sind diese Stoffe nicht. "Es wächst zwar eine offenere Elterngeneration heran, aber unbekannte Geschichten haben’s bei den Erwachsenen immer noch schwer. Und die bringen die Kinder ins Theater", erzählt Ute Lingg, die das jährliche Figurenfestival im Freiburger Vorderhaus organisiert. Und auch die befragten Künstler sind sich einig: Ein bekanntes Kinderbuch oder Märchen im Repertoire muss sein – und ist oft die Eintrittskarte zum Erfolg. Wer sich dann einen Namen gemacht hat, kann auch Selbstgeschriebenes verkaufen, freilich nur, wenn darin nicht gelitten und gestorben wird.

Hangelt sich die Kinderkultur hierzulande also am Mainstream entlang und bleibt dabei brav in der pädagogischen Streichelzone? Die Live-Auftritte geben teilweise Entwarnung: So frech und originell wirbelt beispielsweise die junge Ernst-Busch-Absolventin Birte Hebold vom Figurentheater Eigentlich ihre "Sieben Geißlein" auf die Bühne, dass aus bekannter Vorlage etwas ganz Neues entsteht. Und auch wunderbar schräge Märchenparodien wie "Die verknotete Prinzessin" vom Theater Kunstdünger gibt es zu erleben.

Das Publikum jedenfalls ist wach und interessiert, persönliche Feedbacks gibt’s nach jeder Aufführung sofort an der Bühnenrampe. Ein weiterer schöner Zug der überschaubaren Kinderkulturbörse: Dabei geht der Trend eindeutig zum Figurentheater. Hier lassen sich auch komplexe Stoffe mit geringem Aufwand auf die Bühne bringen. Denn Mobilität ist fürs Überleben eines Kindertheaters ohne eigene Spielstätte unabdingbar, geht es doch darum, die eigene Produktion für ganz unterschiedliche Events und Bühnen kompatibel zu machen. Kein Zufall also, dass in Esslingen nur Tourneetheater mit kleiner Belegschaft und breitem Repertoire anzutreffen sind, die ihr Ensemble aus Trolleys, Bauchläden und Handtaschen zaubern...

Weitere Infos unter      http://www.kinderkulturboerse.net

Autor: Marion Klötzer