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10. November 2016

"Melodien sind wie eine offene Tür zu unserer Musik"

BZ-INTERVIEW mit dem Musiker Martin Tingvall, der am 12. November mit seinem Trio in den Lörracher Burghof kommt.

  1. Martin Tingvall Foto: Jenny Kornmacher

Seit 2003 besteht das Tingvall Trio. Dank seines breiten Zugangs zum Jazz versteht es das mit drei Echos als Band des Jahres ausgezeichnete Trio, auch ein jüngeres Publikum anzusprechen. Vor dem Konzert am 12. November im Burghof Lörrach hat sich Reiner Kobe mit Namensgeber Martin Tingvall unterhalten.

BZ: In einem Interview sagten Sie einmal: Es gibt keine Stadt in Schweden, in der Sie sich so zu Hause fühlen wie in Hamburg? Wie und warum sind Sie Hamburger geworden?
Martin Tingvall: Direkt nach dem Studium habe ich einen meiner besten Freunde in Hamburg besucht, Jürgen Spiegel, den fantastischen Drummer unseres Trios. Eigentlich wollte ich nur zwei Wochen bleiben, aber es kam anders, denn ich mochte die Stadt sofort und auch die Mentalität hier ist der südschwedischen sehr ähnlich. Und dann habe ich sehr schnell Musiker und neue Freunde in Hamburg gefunden.
BZ: Sie komponieren meistens in Ihrer alten Heimat Schweden, jüngst sogar in Island. Warum?
Tingvall: Ich habe zwei Zuhause, eins in Hamburg und eins in Südschweden. Bevor ich Vater geworden bin, bin ich oft nach Schweden gefahren, um dort in Ruhe zu komponieren. Das ist jetzt schwieriger geworden, als Vater die Zeit deutlich knapper. Inzwischen schreibe ich eigentlich überall, beim Soundcheck, auf Tour, egal wo. Mit zwei kleinen Kindern nutze ich jede ruhige Minute, um mich an den Flügel zu setzen.

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BZ: Neue Stücke spielen Sie erst vor Publikum, bevor Sie sie aufnehmen. Ist Publikums-Resonanz sehr wichtig für Sie?
Tingvall: Ja, aber es ist auch wichtig, wie sich ein Song für uns im Trio anfühlt, wenn wir ihn live vor Publikum spielen. Erst wenn wir ihn live gespielt haben, können wir sagen, ob der neue Song tatsächlich eine Chance hat, in unser Repertoire aufgenommen zu werden.
BZ: Was zeichnet Ihr Trio aus?
Tingvall: Ich schreibe zwar die Musik, aber wir arrangieren sie zusammen. Und wenn wir spielen, sind wir drei gleich starke Musiker oder Stimmen einer Band. Das heißt, es gibt keinen Boss auf der Bühne, wir sind gemeinsam immer in Bewegung und jeder hat mal das Wort. Manchmal spielt Omar die Melodie, manchmal ich, manchmal Jürgen. Drei sehr unterschiedliche Typen und Musiker, die aber gemeinsam einen Sound kreieren. Und das macht uns am Ende auch unverwechselbar: unser einzigartiger Sound.

BZ: Sie verstehen sich nicht als Jazzmusiker, also kann man das Trio auch nicht als Jazz- Trio bezeichnen? Ist der Jazzbegriff zu eng für Sie?
Tingvall: Das Tingvall Trio macht schon Jazzmusik, aber Jazzmusik aus dem Jahr 2016. Und in diesem Jazz kann jedes Genre mitmischen: Pop, Klassik, Volksmusik, Hip Hop usw. Ich sehe mich als Jazzmusiker, weil ich es liebe zu improvisieren. Aber ich sehe mich auch als Filmmusikkomponist oder Sing- und Songwriter. Ich bin ein Musiker, der viele Genres liebt und in vielen verschiedenen Genres arbeitet. Aber ehrlich gesagt, denke ich selber nicht so sehr in solchen Genres, warum Schubladen aufmachen? Entweder es ist gute oder schlechte Musik, der Rest ist unwichtig.
BZ: Wie erklären Sie sich, dass Sie mit Ihrer Musik auch ein junges Publikum erreichen? Erfüllt es Sie vor dem Hintergrund eines immer älter werdenden Publikums mit Genugtuung, dass jüngere Menschen Interesse zeigen? Inwieweit hat das alles mit Ihren eher kurz gehaltenen Stücken zu tun?
Tingvall: Die Melodien, die ich komponiere, sind oft sehr klar. Ich glaube, sie sind wie eine offene Tür zu unserer Musik. Und dann hilft es sicher, dass ich nicht so sehr in Genres denke, sondern unterschiedliche Musikrichtungen in unserer Musik anklingen, in denen sich viele verschiedene Menschen und Altersgruppen wiedererkennen können.
BZ: Gibt es bei Ihrem aktuellen Album "Beat" eine thematische Klammer, ähnlich wie in den Vorgänger-Alben?
Tingvall: Ja, es geht um unseren eigenen Beat, unseren Sound. Auf diesem Album
versuchen wir noch deutlicher, die Musik zu zeigen, die uns ausmacht.
BZ: In Lörrach sind "Rare Tracks" angekündigt. Haben Sie bislang vergessene Stücke wiedergefunden?
Tingvall: Wir werden die Stücke spielen, bei denen wir im Trio im Moment am meisten Spaß haben. Darunter sind auch einige "hidden tracks" und ältere Songs, die wir lange nicht gespielt haben. Aber wer weiß, vielleicht probieren wir ja auch ein paar ganz neue Songs für das nächste Album…

Martin Tingvall (Jahrgang 1974) gründete 2003 mit Omar Rodriguez Calvo (Bass) und Jürgen Spiegel (Schlagzeug) das Tingvall Trio, für das der Jazzpianist und Songwriter, der aus Schweden stammt und in Hamburg lebt, auch alle Stücke komponiert.

Konzert: Samstag, 12. November, 20 Uhr, Burghof Lörrach, Vorverkauf beim BZ-Karten-Service (bz-ticket.de/karten oder Tel. 0761 / 496-8888) und bei allen BZ-Geschäftsstellen

Autor: kob