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20. März 2009

Raus aus den Bibliotheken, ab in den Giftschrank!

Der französische Philosoph Emmanuel Faye hält Martin Heideggers Philosophie für nichts anderes als NS-Propaganda

  1. In Frankreich wieder heftig umstritten: Martin Heidegger Foto: afp

Zur Leipziger Buchmesse ist die deutsche Übersetzung eines 2005 in Frankreich erschienenen Buches auf den Markt gekommen: "Heidegger – Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie" von Emmanuel Faye. Das Original entfachte, nicht zum ersten Mal, in Frankreich einen heftigen Streit um die Frage, ob Heidegger Nationalsozialist gewesen sei oder nicht. Schon 1987 hatte Farias mit seinem Buch "Heidegger und der Nationalsozialismus" die Intellektuellen polarisiert.

Der neue Streit ist ungleich heftiger. Faye radikalisiert seine Vorwürfe: Heidegger habe keinen Satz, auch nicht vor dem Erscheinen von "Sein und Zeit" (1927), geschrieben, der nicht nationalsozialistisch und antisemitisch gewesen wäre. Heidegger habe überhaupt nie eine Philosophie präsentiert, sondern nur nationalsozialistische Propaganda betrieben. Faye schließt denn auch mit der Forderung, die Bücher Heideggers aus den öffentlichen Bibliotheken zu entfernen und sie in Giftschränke unter der Rubrik "Nationalsozialistische Propaganda" zu sperren.

Es geht jetzt also nicht mehr um die Frage, ob Heidegger während der Zeit, in der er Rektor der Universität in Freiburg war (April 1933 bis April ’34), mit dem Nationalsozialismus und dem Antisemitismus sympathisiert habe und inwiefern dies seine Philosophie geprägt habe oder nicht. Es geht jetzt ums Ganze. Faye und seine Anhänger fanden beim französischen Rundfunk und Fernsehen offene Ohren. Diejenigen, die Heidegger gegen die nicht selten obsessiven Anwürfe Fayes verteidigten, kamen so gut wie nicht zu Wort.

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Gegen die Thesen Fayes veröffentlichten Massimo Amato und François Fédier den Sammelband "Heidegger à plus forte raison" (etwa: Heidegger, jetzt erst recht). Die Autoren widerlegen, bei aller Polemik und gelegentlicher Schönfärbung von Heideggers Äußerungen, zentrale Thesen Fayes.

Faye kritisiert zum Beispiel, dass Heidegger "Rassenzüchtung für metaphysisch notwendig" gehalten habe. Er schließt daraus, dass Heidegger, als Metaphysiker, ein biologischer Rassist gewesen ist. Faye übersieht dabei, dass Heidegger gerade die klassische Metaphysik dafür kritisiert, dass sie in ihren Grundzügen biologisch, mechanisch und auf Zweckmäßigkeit hin orientiert ist. Es ist also genau umgekehrt, wie Faye glaubt.

Als Gespenst vom Dienst tritt bei Faye Robert Faurissons Leugnung der Existenz der Gaskammern und des Holocaust auf. Jeder, der etwas zur Differenzierung der Frage nach dem Zusammenhang von Heideggers Philosophie und Nationalsozialismus beizutragen versucht, steht nach Faye automatisch unter Generalverdacht des "Negationismus". Fayes Vorwurf, dass Heidegger in den Vorträgen, die er 1949 in Bremen hielt, sich des Negationismus schuldig gemacht habe, geht ins Leere. Heidegger bestätigt gerade, dass massenhaft Menschen auf grausame Weise ermordet wurden. Für ihn heißt "Dasein" "Sein-zum-Tode", die Möglichkeit zu haben, sich auf die Möglichkeit des "Nicht-Seins" einzulassen. Dieser Möglichkeit sind die Menschen im KZ beraubt. Deswegen können sie nach Heidegger nicht im philosophischen Sinn sterben. Die Tatsache, dass sie faktisch sterben wird von Heidegger nicht geleugnet. Auch hier verfehlt Faye den Kern der Heideggerschen Philosophie. Er entzieht mit einer massiven Fehldeutung des Heideggerschen Denkens seinen Thesen den Boden. Das Buch von Faye ist dem komplexen Problem der Berührungspunkte der Heideggerschen Philosophie mit der Ideologie des Nationalsozialismus nicht gewachsen.

Das zeigt sich auch in seiner Reaktion auf deutsche Widerworte etwa von Rainer Marten, Henning Ritter und Dieter Thomä, die der deutschen Übersetzung beigegeben wurde.

Für einen Flirt mit nationalsozialistischer Symbolik ist sich Faye indessen nicht zu schade. Den Umschlag der französischen Ausgabe schmückt der Stempel des Philosophischen Seminars der Freiburger Universität in den 30er Jahren mit Reichsadler und Hakenkreuz. In der deutschen Ausgabe ist das Hakenkreuz scheinheilig auf die Innenseite gerutscht, aber doch da. Hoffen Autor und Verlag auf einen kleinen verkaufsförderlichen Skandal?
– Emmanuel Faye: Heidegger. Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie. Aus dem Französischen von Tim Trzaskalik. Matthes & Seitz, Berlin 2009. 558 Seiten, 39,90 Euro.

Autor: Willem van Reijen