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06. Februar 2010
Trennendes und Verbindendes
Grenzziehung, -überschreitung und Entgrenzen: Schweizerische Geschichtstage in der Uni Basel
Wenn heute Abend in der Basler Universität der Abschluss-Apéro gereicht wird, geht eine geschichtsträchtige Veranstaltung zu Ende, die sich die Stadt bewusst als Austragungsort gewählt hat. Das hat einerseits damit zu tun, dass die 1460 gegründete älteste Universität der Schweiz dieser Tage ihren 550. Geburtstag feiert, andererseits aber auch mit der Lage der Grenzstadt Basel. Geht es doch bei den Schweizerischen Geschichtstagen, die nach dem Start 2007 in Bern das zweite Mal stattfinden, um Grenzen aller Art.
Von Grenzziehungen, -überschreitung und Entgrenzungen war und ist die Rede, von Klassen-, Religions- und Nationalitätsgrenzen, vom Ein- und Ausgrenzen zwischen den Geschlechtern und von Grenzentwicklungen im Lauf der Jahrhunderte. Einen Joker spielte Jürgen Osterhammel beim Einführungsreferat aus. Der Historiker von der Universität Konstanz und diesjährige Leibnitzpreisträger streifte das Thema Grenzen zwar, schlug aber schnell einen Bogen vom Trennenden zum Verbindenden. Die Kritikwürdigkeit von Grenzen, wo sie mit Kleingeisterei einhergingen, stellte er einer kaum weniger begründbaren Entgrenzungsskepsis gegenüber, wo immer das Thema Globalisierung gestreift werde.
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Erst dann schlug Osterhammel die Brücke zur Brücke. Ohnehin halte er sie für das freundlichere Thema, wenn nicht Panzer über sie rollten oder Exekutionen von ihnen ausgingen. Ein Beispiel dafür ist Basels mittlere Brücke, von der im Mittelalter Todesurteile durch Ertränken vollstreckt wurden. Gleichzeitig ist die 1226 erstmals genutzte, heute längst ersetzte Konstruktion auch die älteste Rheinbrücke und war damit eine wichtige Nord-Süd-Verbindung. "Während Grenzen spalten und verschließen, versöhnen und verbinden Brücken", stellte der Historiker fest. Die Brücke sei deshalb eine der gebräuchlichsten Metaphern.
Das Thema könne andererseits, und hier erinnerte er an das Beispiel der Deutschland und die Schweiz verbindenden Brücke in Laufenburg, auch die Auswirkungen verschiedener Perspektiven verdeutlichen. Da die Schweiz ihre Höhenangaben über dem Meer am Mittelmeer, Deutschland die seinen aber an der Nordsee ausrichte, sähen beide Länder die Welt um 27 Zentimeter versetzt. Beim Bau der Laufenburger Brücke hatte das wegen eines Rechenfehlers schließlich sogar zu 54 an der nahtlosen Verbindung fehlenden Zentimetern geführt. Keine Frage, dass Osterhammel aber noch zahlreiche weitere Brücken fand, die wirklich Geschichte geschrieben haben, etwa jene zwischen Buda und Pest oder die Glienicker Brücke in Berlin, auf der die BRD und die DDR ihre Spione auszutauschen pflegten.
Bei Grenzen und den mit ihnen in unseren Tagen gerne einhergehenden Aufhebungstendenzen war der Basler Regierungspräsident Guy Morin in seinem Grußwort und vor Osterhammels Brückenexkurs noch geblieben. Morin, der oft auf Grenzüberschreitendes bedacht ist, stellte aber etwa beim trinationalen Eurodistrict Basel den paradoxen Umstand fest, dass gerade die Aufhebung der Trennlinien diese häufig umso bewusster mache: "Je mehr Grenzen fallen, desto größer wird das Interesse an ihnen."
Beim Thema geblieben war auch die für die Tagung verantwortliche Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte, Regina Wecker. Zwar gäbe es keine ausdrücklich schweizerische Geschichtswissenschaft. Das Land an sich mache aber besser als andere die trotz aller interdisziplinären Ansätze auch in der Wissenschaft bestehenden Wahrnehmungsgrenzen deutlich. "Während wir im deutschsprachigen Raum vor allem die angloamerikanische Sicht der Geschichtswissenschaften wahrnehmen, orientieren sich die französisch- und italienischsprachigen Landesteile anders." Gerade deshalb sei sie aber auch gern nach Basel gekommen, wo die Frage der Sprachgrenzen doch allgegenwärtig sei.
So differenziert sieht die neue die alte Welt offenbar auch 2010 nicht. Bei uns gilt als Formel für Geschichtsperspektive doch oft: "The West and the Rest", beschrieb die am zweiten Tag referierende Merry Wiesner die amerikanische Sicht. Der Professorin von der University of Wisconsin ging es um Überschreitungen und Überschneidungen in Geschlechterrolle und -Identität im Verlauf der Jahrhunderte sowie über Nationalitäts-, Religionszugehörigkeits-, Rassen- und viele weitere Grenzen – um die bewusste "Einfuhr" christlicher europäischer Frauen nach Amerika zum Zwecke der Blutsvermischung im 17. Jahrhundert zum Beispiel. Da man es längst als selbstverständlich ansehe, disziplinübergreifend zu arbeiten, sei auch zu fragen, inwieweit Geschichte sich nicht auch dringend mit den sich wandelnden geschlechtsspezifischen Identitäten und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft befassen müsse. Das, so Merry Wiesner, könnte auch ein Ansatz sein, um die Grenze zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart durchlässiger zu machen.
Autor: Annette Mahro


